Full text: Volume (Bd. 20 = N.F Bd. 8 (1882))

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Dr. Gust av Hartmann,

Für den Juristen als solchen ist doch nur relevant die
folgende Erwägung. In Fällen, wie sie durch unser Aus-
gangsbeispiel veranschaulicht werden, verwirklichte der im Ber-
ber hat gewiß nicht den bloßen Wunsch oder die bloße Hoffnung, son-
dern den wirklichen Willen eines Contrahirens über die von ihm vorge-
stellte Sache; mag er sich auch in der Erwartung und Hoffnung, seinen
wirklichen Willen erreicht zu sehen, getäuscht finden. Zu den psycholo-
gischen Erörterungen Zitelmanns (Jrrthum und Rechtsgeschäft S. 29
bis 196) über Handlung und Wille sind inzwischen als besonders bemer-
kenswerthe Erscheinungen noch hinzugekommen: Sigwart, der Begriff
des Willens und sein Verhältniß zum Begriff der Ursache (Kleine Schrif-
ten 1881, zweite Reihe S. 115—2ii) und Henle, Anthropologische Bor-
träge Heft II (1880) Vom Willen S. 27—60.
Hinsichtlich des Wortes aber können wir hier ganz auf sich beruhen
lassen die seit Gorgias nepl ventilirte Skepsis, ob und wiefern
überhaupt das Wort die Fähigkeit hat, den Andern Vorstellung und Ge-
danken so mitzutheilen, wie sie im Redenden lebten. Für das Recht und
die juristische Erwägung genügt ja jedenfalls die unzweifelhaft vorhandene un-
endliche Approximation des Wortes an die Erfüllbarkeit jener Aufgabe.
Ueber jenes Problem: I Hering, Geist des Röm. R. II, 2 §. 44 Aufl. 3
S. 444 fg.; H. Paul, Principien der Sprachgeschichte 1880 S. 15 fg.
Von vornherein endlich wird unser Gegensatz „Wort und Wille" am
besten völlig getrennt gehalten bleiben von dem andern Gegensatz, den man
namentlich in der Theorie von der Auslegung der Gesetze ganz schief mit
„grammatischer" Interpretation gegenüber der „logischen" zu bezeichnen
pflegt. Für uns handelt es sich um das Verhältniß zweier Gedanken, die
natürlich beide durch logische Operation zu ermitteln sind. Einmal ist es
die Vorstellung und Willensrichtung, welche aus einem engeren und
äußerlicheren Material sich erschließen läßt, nämlich speziell grade aus den
geäußerten Worten nach der gemeinen und gewöhnlichen Auffassung der-
selben. Sodann andrerseits die Vorstellung und Willensrichtung, welche
sich als vorhanden ergiebt, aus einem weiteren Material, welches den hin-
ter dem geäußerten Wort liegenden individuellen Thatbestand mit umfaßt
und eine tiefer eindringende Untersuchung zu seiner Klarstellung nöthig
machen kann. Die Hauptfrage ist, ob die aus solchem erweiterten Mate-
rial mit tiefer in den individuellen Geist eindringender Forschung zu er-
schließende Vorstellung und Willensrichtung unbedingt die Kraft haben kann,
die aus jenem engeren und äußerlicheren Material erhellende Vorstellung
und Willensrichtung über den Haufen zu werfen, oder an welche Grenzen
und welches Maß jene Kraft von Rechtswegen gebunden ist.

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