Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

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W. Kindel,
der Praxis es sei, wovon die eigentliche Besserung der 'Rechts-
pflege ausgehen müsse. S. 126. Die Praxis hat die un-
praktischen Anschauungen der Theorie zu bekämpfen, die Theorie
die unwissenschaftlichen Ausführungen der Praxis wissenschaft-
lich zu durchdringen und zu zersetzen. Es ist dies das Ideal
eines geistigen Kampfes, der ohne Erbitterung auf irgend
einer Seite geführt werden kann.
Wendt weist darauf hin, daß sich die richtige Methode
der Gesetzgebung schon aus den Erörterungen ergebe, welche
er vor einigen Jahren in den Ihering'schen Jahrbüchern
dem Justinianischen corpus juris gegenüber angestellt habe.
Wir streiten nicht um die Priorität einer schon von vielen
Juristen dargeftellten Auffassung, wir behaupten mit Wendt
nur ihre Richtigkeit. Der frühere Aufsatz Wendt's ist uns
entgangen. Unsere eigene Auffassung haben wir an den Ideen
des größten Juristen der Gegenwart gebildet, indem wir sie
zum Theil billigen, zum Theil bekämpfen. Von Savigny
stammt unser leitender Gedanke, daß alles Recht überall durch
innere, stillwirkende Kräfte, nicht durch die Willkür eines Ge-
setzgebers entstehe, S. 14, daß daher das bestehende positive
Recht zu schonen sei, und daß wir mit der Anwendung des
wundärztlichen Messers auf unfern Rechtszustand zu zögern
haben, S. 115. Es ist Savigny, welcher S. 134 sagt:
Als das jüdische Volk am Berge Sinai das göttliche
Gesetz nicht erwarten konnte, machte es aus Ungeduld
ein goldenes Kalb, und darüber wurden die wahren Ge-
setztafeln zerschlagen.
Dagegen sind wir allerdings der Meinung, daß Savigny
die Bedeutung der Wissenschaft insofern überschätzt, als er auf
der einen Seite zwar die Wissenschaft seiner Zeit für unge-
eignet erklärt, zur Grundlage einer Gesetzgebung zu dienen,
auf der anderen Seite aber trotz seiner früheren Ausführungen

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