Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

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Otto W endt, RechtSsatz und Dogma.

gerade das Privatrecht ist, welches der Gesetzgebung am
sprödesten gegenübersteht. Denn solange die Natur der
Rechtssätze selbst im Zweifel liegt und über die erlauben-
den, gewährenden Vorschriften eine ungelöste Frage be-
steht, so lange schwankt natürlich das Urtheil über die einem
Rechtssatze zu gebende äußere Form und den Schnitt des
Kleides, in welchem das Gesetz einhergehen soll.
Eines wird sich aber jedenfalls mit Grund aussprechen
lassen, daß die deutsche Gesetzgebung seit Jahrhunderten sich
gewöhnt hat, nicht sowohl Rechtssätze als Lehrsätze auf-
zustellen, d. h. daß sie ihren Vorschriften die Form dogmatischer
Aussprüche und theoretischer Definitionen zu geben pflegt. Mit
dieser Bemerkung soll keineswegs blos der lehrhafte Ton ge-
troffen werden, in welchem etwa ein Gesetz abgesaßt ist, und
womit es sich mehr an Schule und Unterricht statt an Leben
und Praxis zu wenden scheint. Zwar wäre auch damit die
Aufgabe des Gesetzes nicht hinreichend gewürdigt und nicht
klar genug erfaßt; immerhin aber würden blos hieraus nach-
theilige Folgen noch nicht hervorgehen, und wenn der ausge-
sprochene Tadel blos dies im Sinne hätte, könnte er mit Recht
für unerheblich gelten. Er wendet sich aber nicht an die Form,
sondern an den Inhalt der Gesetze und glaubt an diesem eine
in der That gefährliche Verwechslung von Rechtssatz und
Dogma feststellen zu müssen.
Wie das gemeint sei, und welche Eigenthümlichkeiten auch
des Entwurfes eines bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche
Reich damit getroffen werden sollen, mag sich vor der Hand
aus den Erörterungen ergeben, welche ich vor einigen Jahren
in diesen Jahrbüchern dem Justinianischen 6orpus juris gegen-
über angestellt habe. Das Römische Recht ist für uns ja zu-
meist nur indirect zu erkennen und erscheint uns hauptsächlich
im Spiegel von Lehre und Anwendung: denn wenn uns der

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