Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

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Dr, Otto Fischer,

Edikt vom 1t. März 1812 die rituelle Trauung, bestehend in
der Zusammenkunft unter dem Trauhimmel und dem feier-
lichen Anstecken der Ringe, auch für das civile Eherecht die
maßgebende Eheschließungsform gewesen war. Etwa Anfangs
1850 wurde nun unter den jüdischen Brautleuten M. und I.
eine rituelle Trauung vorgenommen. Die Ermittelungen hin-
sichtlich der Frage, ob eine den Vorschriften des Gesetzes von
1847 entsprechende gerichtliche Erklärung und Eintragung in
das Register stattgehabt hat, sind erst 30 Jahre später ange-
stellt und haben folgendes Ergebniß gehabt. Die minder-
jährige und elternlose Braut war von ihrem Bräutigam zu
rascher Eheschließung gedrängt worden. Der Rabbiner Dr. S.
hatte den Brautleuten gesagt, daß er rituell erst trauen dürfe,
wenn das Gericht ihm Mittheilung gemacht habe, daß gericht-
lich alles in Ordnung sei. Die Brautleute begaben sich,
nachdem für die minderjährige Braut der obervormundschaft-
liche Gerichtskousens erwirkt war, auf das Gericht für den
Wohnort der Braut und erklärten hier zu gerichtlichem Pro-
tokoll, daß sie verlobt seien und um Veranstaltung des gericht-
lichen Aufgebots bäten, welches dann auch von dem Gericht
veranlaßt wurde. Es scheint auch, daß sie an diesem Tage einen
die Güterverhältnisse betreffenden Ehevertrag bei demselben
Gericht geschlossen haben.
Kurz nach dieser gerichtlichen Verhandlung scheint die
rituelle Trauung vollzogen zu sein. Die Ehefrau M. war
bereit, zu beschwören, daß sie bei der Trauung des Glaubens
gewesen sei, daß alles gerichtlich Nothwendige bereits geschehen
sei, und daß auch der Rabbiner vorher die entsprechende Mit-
thetlung vom Gericht erhalten habe. Es ist auch an sich
durchaus unwahrscheinlich, daß der Rabbiner anders als auf
Grund der irrigen Annahme, daß die gerichtliche Konsenserklä-
rung und die Eintragung in das Register erfolgt sei, welche

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