Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

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I. Baron,

sondern für ihn selbst, den Verkäufer. Der Ersatzmann hin-
gegen nimmt, weil er Vertreter ist, ein ihm fremdes Geschäft
wahr; von ihm kann man sagen, daß er einen materiell
fremden Besitz, ein materiell fremdes Eigenthum in Händen
habe*), er kann jeden Augenblick sich als offener Stellver-
treter entpuppen und alieno nomine handeln.
Das, glaube ich, ist bewiesen: daß dem offenen Stellver-
treter der possessorische Schutz fehlt, hat nicht in dem Inhalt
seines animus (fehlender besonderer Besitzwille) seinen Grund.
IHering meint, es handle sich um eine Interessenfrage, er
supponirt einen Kaufvertrag, der Ersatzmann hafte aus dem-
selben, und ihm müsse die übergebene Sache wegen seiner Aus-
lagen und Verpflichtungen als Deckung dienen, daher erwerbe
er Besitz und Eigenthum; hingegen der offene Stellvertreter
bedürfe keiner Deckung, denn er hafte nicht. Indeß liegt es
auf der Hand, daß diese Argumentation vom heutigen Rechts-
zustande ausgeht, nicht vom Römischen, das ja auch dem
offenen Stellvertreter die Haftung auferlegt; gerade aber fürs
Römische Recht soll erklärt werden, warum der offene und
stille Stellvertreter trotz ihres gleichen Besitzwillens verschieden-
artig behandelt werden. Meines Erachtens liegt der Grund
darin, daß die juristischen Mittel mannigfaltig sein müssen; es
ist dies ein Gesichtspunkt, der bisher noch nicht genügende
Würdigung gefunden hat *). Es ist eine Anforderung an die
Gesetzgebung, solchen Verhältnissen, welche im Verkehr in mannig-
faltiger Gestaltung Vorkommen, durch eine Mannigfaltigkeit der
juristischen Mittel zu entsprechen. Es ist hier nicht der Ort,

1) Daher die Worte der I. 13 § 1 D. de usurp. 41, 3: quamvis
possis videri non pro tuo possidere.
2) Ich habe ihn letzthin in meinem Aufsatz „Das Römische Vermögens-
recht und die socialen Aufgaben" besprochen (Septemberheft 1889 der Con-
rad'schen Jahrbücher für Nationalökonomie).

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