Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

Zur Lehre vom Besitzwillen.

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anderen Umständen ab. Der Procurist eines Berliner Ge-
treidehändlers wird in Berlin immer als offener Vertreter
handeln ; wird er aber nach Rußland oder Ungarn geschickt,
um auf dem Lande von den dortigen Großgrundbesitzern per
Cassa Getreide einzukaufen, es sofort in Empfang zu nehmen
und nach Berlin zu verladen, so handelt er suo nomine und
erwähnt den Namen seines Chefs auch nicht einmal beiläufig.
Wie kann man also behaupten, daß der Besitzeswille des stillen
und offenen Vertreters sich entgegengesetzt sei? Nicht im
Willen unterscheiden sie sich, sondern in ihrem Auftreten, der
eine handelt 8uo nomino, der andere quasi procurator; mit
Recht wird dieser Thatumstand hochbedeutend für die Frage,
in wessen Person die Wirkungen des Rechtsgeschäfts zur Gel-
tung gelangen ; aber jenes verschiedene Auftreten hat nichts
mit dem Besitzwillen zu schaffen, es hängt mit ganz anderen
Umständen zusammen.
IHering geht noch weiter, schwächt aber dadurch
seine in der Person des Ersatzmannes (wie mir scheint)
packende Beweisführung. Er behauptet nämlich, daß auch der
Verkäufer bis zur Uebergabe für den Käufer besitze, und stellt
ihn auf ein e Linie mit dem Vertreter *). Das gebe ich in keiner
Weise zu; der Verkäufer besitzt für sich und bedarf des Besitzes,
um seiner obligatorischen Verpflichtung zu genügen; er kann
immer nur 8uo nomino auftreten; was er auch mit der Sache
thun mag (einklagen, deponiren u. s. w.), er darf dabei des
Käufers nirgends gedenken; er handelt für sich, dieses Handeln
geschieht um der Obligation halber, die er gegenüber dem
Käufer übernommen hat, es geschieht nicht für den Käufer,

1) Die Berufung auf t. 21 D. de her. vend. 18, 4 ist nicht hoch
anzuschlagen; die Worte „nt alienum“ bedeuten nicht, „da eS ja ein
fremdes Grundstück sei", sondern „wie ein fremdes Grundstück".

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