Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

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I. Baron,

Bezeichnung „abgeleiteter Besitz" die andere „anvertrauter"
substituiren will; es ist dies eben nur eine Gegnerschaft gegen
das Wort; sachlich steht er auf dem S avigny'schen Stand-
punkt, daß der Besitz durch ein Rechtsgeschäft auf einen An-
deren übertragen wird, der ihn nicht als sein eigen haben
will. Die Consequenz dieser Auffassung hat bekanntlich Thi-
baut gezogen; sie führt dahin, daß der juristische Besitz nach
Luft und Laune der Parteien auf irgend einen Detentor über-
tragen werden kann, und das ist sicherlich nicht aus den
Quellen zu beweisen. Es verdient hervorgehoben zu werden,
daß nach dieser Meinung im abgeleiteten Besitz nichts Ano-
males liegt; Brinz sagt dies ausdrücklich: „das ganze Vor-
kommen hat denn auch nur sein Eigenes, nichts Anomales";
Savigny freilich war anderer Ansicht, er sieht in dem ab-
geleiteten Besitz „eine Abweichung von dem ursprünglichen
Begriff des Besitzes"; mit Recht wird er deshalb von I h e -
ring getadelt, denn wenn der Besitz der Veräußerung fähig
ist, und wenn der abgeleitete Besitz aus einer Veräußerung
hervorgeht, so ist derselbe eine Consequenz des ursprünglichen
Besitzes, eine Consequenz aber ist keine Anomalie.
Alle anderen Schriftsteller wollen von dem Uebertragungs-
geschäft nichts wissen.
Unser erster Pandectist, Wind scheid, sieht im abgelei-
teten Besitz positive Ausnahmen1), natürlich Ausnahmen, die
durch juristische Gründe, sagen wir also, durch die Anforde-
rungen des Verkehrslebens gerechtfertigt sind. So gern man
die letzteren anerkennt, so sehr man namentlich die Verkehrs-
function des Pfandrechts und der Sequestration sich ohne
possessorischen Schutz des Pfandgläubigers und des Sequesters
gar nicht denken kann, so sicher darf man entgegenhalten, daß

1) So auch Wen dt in seinem Lehrbuch der Pandecten.

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