Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

Zur Lehre vom Besitzwillen.

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mittelbare Folge davon ist. daß der Ersitzende den Besitz ver-
loren hat. Daß der Jurist es nicht ausgesprochen hat. hängt
offenbar damit zusammen, daß der Ansragende nicht darüber
belehrt sein wollte; dieser consultirte bloß wegen der Fort-
setzung der Ersitzung. Oder will jemand die Besitzlosigkeit
der Sache behaupten, bis der Eigenthümer den wahren Sach-
verhalt erfährt und nunmehr den von der herrschenden Mei-
nung verlangten besonderen Besitzwillen annimmt? Und wird
man behaupten wollen, daß, wenn er inzwischen eine De-
jection erduldet, der Dejicient keinem Besitzesinterdict ausge-
setzt ist, sondern den bei der dinglichen Klage erforderlichen
Beweis verlangen kann? Daß heute die Spolienklage an-
wendbar ist, thut nichts zur Sache; es handelt sich darum,
ob wir jenen kläglichen Rechtszustand (Besitzlosigkeit und Un-
zulässigkeit der Besitzesinterdicte) dem römischen Recht impu-
tiren wollen. Man wird vielleicht einwenden, daß die von
mir angenommenen Thatsachen unmöglich sind; solange die
Wahrheit nicht entdeckt sei, gelte der Pächter als Vertreter des
Verpächters, der Verpächter als Besitzer; nach Entdeckung der
Wahrheit trete der Pächter als Besitzer auf; allein wenn die
Wahrheit erst nach geschehener Dejection entdeckt wird, so ist
die Sachlage nach den Savigny'schen Grundsätzen unheil-
bar. Die Analogie des Eigenthümers in I. 21 D. de. usurp.
und des Sohnes in 1. 44 § 4 eod. liegt auf der Hand, jener
kennt sein Eigenthum nicht, dieser den Tod des Vaters, beide
haben die Sache in der Hand und verfügen darüber für sich
nach den in der Verkehrsordnung geltenden Regeln. Wenn
irgendwo, so muß in beiden Fällen der Satz gelten: plus esr
in re guam in existimatione mentis.
Nach der bisherigen Untersuchung scheint es, als wenn
wir den besonderen Besitzwillen bloß als ausnahmsloses Er-
forderniß leugnen müßten. Ungefähr, wie man früher für

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