Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

Die Physiologie des JrrthumS.

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Unrechten Schuster; der Gegner des Irrenden kann nur
Schadloshaltung, d. h. Wiederherstellung des Zustandes vor
dem Irrthum (in integrum restitutio), nicht aber Ersatz des
iuerum cessans verlangen im Sinn eines Gewinnes, den er
hätte machen können. Noch stärker tritt die Bedeutung
der Konstruktion oder, wenn wir das bedenkliche Wort ver-
meiden wollen, der richtigen juristischen Auffassung hervor,
wenn der Irrthum ein „kleinerer" war: der Fall des Kauf-
manns, der in Folge Sich-verschreibens, oder weil sein Agent
die undeutlich geschriebene Zahl 8 als 5 liest, seine Waare zu
15 statt zu 18 anbietet. Nach dem Entwurf wäre zu fragen:
ist das Sich-verschreiben, das undeutliche Schreiben, das un-
richtige Lesen eine grobe oder eine leichte oder keine Fahrlässig-
keit? Das kümmert uns nicht, der Vertrag ist immer an-
fechtbar, bei der kleinen Differenz zwischen Wahrheit und Irr-
thum wird aber ebendarum der (redliche) Käufer stets Schad-
loshaltung verlangen können. Nach der Lehre vom heiligen
Wort hätte er stets nur 15, nach dem Willensdogma hat er,
wenn er die bezogene Waare nicht mehr zurückgeben will oder
kann, den Marktwerth von 18 zu bezahlen. Unsere Lehre
vermag dem einzelnen Fall gerecht zu werden: hat der Käu-
fer, der billig gekauft hat, seinerseits, etwa um einen werthvollen
Kunden sich zu verpflichten, billig, d. h. unter dem Marktpreis,
zu 16 oder 17 verkauft, so kann er von seinem Verkäufer
als Schadloshaltung nicht 3, sondern nur 1 oder 2 ver-
langen.
Die letzte Stufe des Irrthums in Vertragsverhältnissen
ist der Irrthum, der seinen Grund in unrichtiger Mittheilung
der Sinne an das Gehirn hat, Beispiel: die Verwechslung
des Raben mit dem Rappen, ein Fall, der nach der alten
Lehre unter die Kategorie „error iu persona" gehört. Der
Reisende glaubt mit einem Gasthofbesitzer zu kontrahiren, während

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