Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

Die Physiologie deS Jrrthums.

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oder Mark 15 Pfg. oder Mark geschrieben hat. Der Erfolg
seiner Anfechtung ist aber nicht überall derselbe: je größer (im
mathematischen Sinn) der im Sich-versprechen enthaltene Ver-
stoß ist, um so mehr Erfolg wird die Anfechtung haben, denn
um so weniger wird der Gegner auf seine Redlichkeit sich be-
rufen dürfen. Das bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.
— Wenn in unserem Beispiel der Käufer den Verkäufer fragt:
„Können Sie wirklich so billig verkaufen?" und der Verkäufer
erwidert: „Das geht Sie nichts an, ich biete Ihnen die Waare
zu 1 M. per Kilo", so wird der Richter, den Entwurf in der
Hand, gegen den Verkäufer erkennen: er hat ja seinen Willen
deutlich ausgesprochen, auf das Auffallende seines Angebots
aufmerksam gemacht, ist er darauf beharrt, also fällt ihm eine
„grobe Fahrlässigkeit" zur Last, also ist der nichtige Kauf doch
gültig; der Käufer hat alles gethan, was er zu thun schuldig
war, indem er jene Frage an den Verkäufer richtete; wie
kann er den Irrthum im Willen des Verkäufers kennen oder
kennen müssen, wenn dieser auf seine Frage ausdrücklich er-
widert: „So will ich einmal verkaufen"? Also ist der doch
gültige Vertrag nicht doch wieder ungültig — so argumen-
tirt unser Richter. Der Richter dagegen, der sich wie auf die
Physiologie, so auch aus die Psychologie des Irrthums ver-
steht, der — kurz gesagt — Menschenkenntniß und nicht bloß
Gesetzeskenntniß besitzt, entscheidet anders; er sagt: der „er-
klärte Wille" des Verkäufers ist zweifellos sein Wille, aber
ebenso gewiß hat er auch bei der Antwort auf die erstaunte
Frage des Käufers geirrt, ja er ist durch die Frage mit psy-
chologischer Nothwendigkeit in seinem Irrthum bestärkt worden;
darauf hat der schlaue Käufer spekulirt, und daraus ergiebt
sich seine Unredlichkeit, er hat also keinen Anspruch auf Schad-
loshaltung. Hätte er ehrlich gefragt: „Meinen Sie nicht
vielleicht Pfund statt Kilogramm?" so wäre der Verkäufer

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