Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

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G. Pfizer,

des Minderjährigen ist „entschuldbar" weil seine imperitia
keine culpa ist ; kaust er den vergoldeten Becher als golden,
so Hilst ihm das Recht, aber nicht seines Irrthums, sondern
seiner Jugend wegen ; der Jrrthum des Manns ist unent-
schuldbar, denn in seinem langen Leben hätte er das Maß
von Erfahrung sammeln können, das der Durchschnitts-
mensch — der Herr „omnes“ — besitzt. Darum beachtet das
Gesetz seinen Jrrthum nicht oder nur dann, wenn eine Unred-
lichkeit des andern Theils hinzutritt, wo dann aber der ge-
währte Rechtsschutz nicht sowohl in seinem Jrrthum als in der
Unredlichkeit des Gegners seinen Grund hat; diese Unredlichkeit
muß kein Betrug sein: haben Käufer und Verkäufer einen
Handel über ein Gefäß geschlossen, das beide irrthümlich für
massiv golden oder für vergoldet gehalten haben, und es ent-
deckt der eine Theil später den Jrrthum, so ist das, wenn die
Entdeckung nach dem Vollzug des Geschäfts erfolgt, rechtlich
ebenso gleichgültig, wie wenn der Käufer in dem verkauften
und übergebenen Acker einen Schatz findet; erfolgt aber die
Entdeckung vor dem Vollzug, dann wird zwar vielleicht der
Vollzug des Kaufs keinen strafrechtlich zu ahndenden Betrug
des Wissenden darstellen, aber der Wissende, der aus dem
Geschäft Vortheil zieht, handelt unredlich; in diesem Sinn
habe ich auf dem Juristentag den Satz ausgestellt: die Er-
füllung eines Vertrags kann nicht gefordert werden, wenn das
Verlangen der Erfüllung gegen Treu und Glauben verstößt, —
„ein andres Antlitz, ehe sie geschehen, ein anderes zeigt die
vollbrachte Thal".
Der Rechtsirrthum — haben wir zu Beginn unserer Er-
örterung gesehen — ist, wo nicht immer, so doch häufig wirk-
licher Jrrthum, nicht bloß ignorantia, sondern error. Er
steht der Dummheit, der schuldhaften Unerfahrenheit vielfach
gleich; vigilantibus leges scriptae sunt: das Recht verlangt

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