Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

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G. Pfizer,

Bürgschaft (in Rücksicht jedenfalls auf 9000 M.) nichtig ist,
und daß der Gläubiger, der im Vertrauen auf die echte Unter-
schrift des Bürgen dem zweifelhaften Hauptschuldner ein Dar-
lehen gegeben hat, den Schaden tragen muß, wenn dieser
zahlungsunfähig wird; ebenso verfügt grundsätzlich der Ent-
wurf, aber mit der Ausnahme von der Regel und der Aus-
nahme von der Ausnahme, je nachdem der Richter hüben
oder drüben Fahrlässigkeit oder „Wissenmüssen" annimmt.
Mir scheint der Fall sehr erhebliche Zweifel zu erregen und
gesetzliche Bestimmungen sehr nöthig zu machen. In welcher
Richtung? Diese Frage läßt sich erst beantworten, wenn wir
die leitenden Grundsätze entwickelt haben, die sich für die Be-
handlung der verschiedenen Fälle des Irrthums aus der
Physiologie der verschiedenen Arten des Irrens ergeben.
Aller Irrthum — haben wir im Eingang unserer Er-
örterung gesehen — ist ein Bewegungsfehler; entweder ein
negativer: es unterbleibt eine Bewegung, d. i. eine Mitthei-
lung der Sinne an das Gehirn oder einer Gehirnabtheilung
an die andere, da wo sie stattfinden sollte und konnte, oder
ein positiver: es erfolgt eine verkehrte Bewegung, eine un-
richtige Mittheilung. Das einfache Nichtwissen, das weder
auf dem einen noch auf dem andern Fehler beruht, ist kein
Irrthum im Rechtssinn, er ist für das Recht nicht vorhanden:
so der rein logische, mathematische „Irrthum", das reine Sich-
verrechnen. Tritt zu dem bloßen Denkproeeß oder an seine
Stelle ein Sich-oersprechen oder Sich-verschreiben, dann gilt
das für diese Formen des Jrrthums Gesagte. Ein Beispiel
wird den Gegensatz am schnellsten klarmachen. Ein Kauf-
mann kalkulirt den Preis, zu dem er seine Waare verkaufen
kann: Anschaffungskosten 10, Zins aus dem Ankaufskapital 2,
Lagerkosten 5; er rechnet das zusammen, sagt sich: „ich muß
also 15 fordern" und schließt demgemäß einen Kauf; Niemand

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