Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

Die Physiologie des Jrrthums.

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ich schon beleuchtet: der Wirth hat eine Bestellung erhalten und
angenommen; trotzdem soll der Vertrag nichtig feint; denn
eine Fahrlässigkeit oder gar eine grobe Fahrlässigkeit auf
Seiten des Reisenden wird ein vernünftiger Richter hier nicht
annehmen. — es wäre denn lediglich zu dem Zweck, um den
nichtigen Vertrag gültig zu machen. — Ich gebe einem Bett-
ler aus Versehen 20 M. statt 2 Pfg.; bei Kenntniß der Sach-
lage hätte ich ihm natürlich die 20 M. nicht gegeben; also
Nichtigkeit der in meinem Thun gelegenen Willenserklärung:
die ganze Tradition wird für nichtig erklärt, der Bettler ist in
den Augen des Entwurfs nicht einmal Besitzer des Geldstücks
geworden; aber fällt nur nicht eine grobe Fahrlässigkeit zur
Last, da ich ja nur die Augen aufzumachen hatte, um den
Irrthum zu vermeidend Wenn ja, so ist der Bettler nicht
bloß Besitzer, sondern auch Eigenthümer der 20 M. geworden,
wofern der Richter ihm glauben will, daß er nichts als reine
Freude über meine Großmuth empfunden und an einen Irr-
thum nicht habe denken können. — Der Gast, der „aus gro-
bem Versehen" der Hausfrau statt der Köchin ein Trinkgeld
giebt, macht an sich die Hausfrau zur Eigenthümerin des
Geldes ; doch ist zu seinem und der Köchin Glück auch hier
die ganze Tradition doch wieder nichtig, wenn oder weil die
Frau wissen mußte, daß das Trinkgeld für die Köchin be-
stimmt sei. — Noch ist der Fall des Bürgen übrig, der sich,
ohne dte Urkunde zu lesen, für 10 000 statt vermeintlicher
(„eigentlich gewollter") 1000 M. durch seine Unterschrift ver-
bindlich macht. „Dieser Fall kann am wenigsten Zweifel er-
regen und macht auch keine näheren Bestimmungen nöthig":
so sagt kein geringerer als S avigny (System, Bd. 3, S.267)
und — zeigt damit, wie wenig die reine Theorie dem Leben
gerecht zu werden versteht. Nach Savigny (und Wind-
scheld» unterliegt es nämlich liier keinem Zweifel, daß die

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