Full text: Volume (Bd. 29 = N.F Bd. 17 (1890))

Die Physiologie des JrrthumS.

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nicht: das Auge hat über das Aussehen der Waare und die
Preisnotiz richtig an das Gehirn, Abtheilung für Denken,
telegraphirt, der Beschluß der Abtheilung für Denken ist der
Abtheilung für Wollen richtig zugekommen, diese hat dem Mund
den richtigen Befehl gegeben, der Mund hat den Befehl richtig
vollzogen; der Fehler scheint einzig und allein bei der Ab-
theilung für Denken zu liegen, welche den falschen Schluß
aufgestellt hat: „Was ringsum von Gold glänzt, ist Gold ;
dieses Gefäß glänzt ringsum von Gold, also ist es Gold";
den falschen Obersatz hat ihr aber das Auge nicht telegraphirt.
Ganz außer Zweifel ist, daß auf Seiten des Willens nicht
der mindeste Verstoß vorgekommen ist: der Mund hat genau
gesagt, was der Wille dem Beschluß des Denkens gemäß ihm
befohlen hat; der „wirkliche" Wille war auf den Kauf ge-
richtet, und der „erklärte" Wille hat mit ihm zusammengestimmt ;
der Ankauf beruht also, wie es scheint, lediglich auf mangel-
hafter Logik, auf Dummheit oder auf Mangel an Erfahrung.
Nichtsdestoweniger liegt hier ein Irrthum vor: die Sinne
haben allerdings dem Gehirn positiv nichts Unrichtiges mitge-
theilt, auch konnte das Auge die richtige Mittheilung nicht
machen; wohl aber haben die Sinne, hat der Tastsinn es unter-
lassen, dem Gehirn die schuldige Mittheilung zu machen:
„Das Gefäß ist sehr leicht." Da der Käufer vermuthlich ge-
wußt hat, daß Gold sehr schwer ist, hätte diese Miltheilung
den falschen Schluß der Abtheilung für Denken verhindert;
auf die Wirkung eines solchen Irrthums kommen wir nachher
zurück. — Ein ähnlicher Fall des Irrthums: A ersucht den
B um eine Bürgschaft für seine Schuld gegen C im Betrag
von (angeblich) 1000 M., B erklärt sich hierzu bereit, A legt
ihm eine Bürgschaftsurkunde vor, in der der Betrag der (wirk-
lichen) Schuld mit 10000 M. angegeben ist; B unterschreibt
ungelesen: hier beruht der Irrthum darauf, daß das Auge

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