Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 23 = N.F Bd. 11 (1885))

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Dr. O. Bahr,

tiefer in den Geldbeutel hineinschlagen werden *), die Ein-
führung eines so wenig gut erprobten Institutes, wie des der
Gerichtsvollzieher: das Alles wird nicht als Fortschritt em-
pfunden werden, während man andrerseits bald gewahren wird,
daß auch die Mündlichkeit, für welche man Jenes hinnimmt,
keine Panacee abgiebt gegen die Schwächen der Rechtsprechung."
Ich möchte glauben, daß Viele diese Voraussage jetzt in allem
Wesentlichen bestätigt finden werden.
Ob man in maßgebenden Kreisen daran denkt, an unfern
Proceß bessernde Hand zu legen, weiß ich nicht. Die Aufgabe
wäre, dem durch die schlaffen Bestimmungen der neuen Ord-
nung aus Rand und Band gegangenen Verfahren wieder einen
festeren Halt zu geben. Es gälte, neben der mündlichen Rede
der Schrift zu ihrem natürlichen Rechte zu verhelfen und da-
durch den Proceß wieder aus eine solide Grundlage zu stellen.
Es gälte nicht minder, die Parteien von der Bevormundung
zu befreien, welche der Richter durch Aufstellung des Thalbe-
standes übt. Für diese Zwecke würde es nicht einer umfassen-
den Umarbeitung der Proceßordnung bedürfen. Es würden
verhältnißmäßig wenige Bestimmungen ausreichen. Hier soll
nicht versucht werden, solche Bestimmungen zu sormuliren.
Ist man über die Ziele im Klaren, so wird es nicht schwer sein,
die Mittel zu finden. Bleiben die Zustände, wie fie gegen-
wärtig sind, so wage ich vorauszusagen, daß im Laufe eines
Menschenalters der Werth unserer Rechtsprechung durch die
Verlotterung des Processes tief gesunken sein wird.
Man wird vielleicht sagen, die Sache sei doch nicht allzu
tragisch zu nehmen. Das thue ich auch nicht. Angesichts der Er-
ahrungen, welche ich, seitdem mein Blick in Deutschland sich
erweitert hat, gemacht habe, daß nämlich auch bei einer Recht-
1) An das preußische Gesetz vom 1. Mai 1875 und an die Reichsgesetze
von 1878 und 1879 über die Gerichts- und Anwaltsgebühren war hierbei
natürlich noch nicht gedacht.

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