Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 23 = N.F Bd. 11 (1885))

Der deutsche Civilproceß in praktischer Bethätigung.

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die stylvolle Fassade, als darum zu thun ist, ein brauch-
bares Haus zu bauen, so handhabt man jetzt die Proceß-
ordnung, mehr in der Tendenz, der Mündlichkeitsfassade, als
dem Parteirecht Genüge zu thun; und wenn eine Partei
darüber um ihr Vermögen kommt, tröstet man sich — nicht
sie — mit dem Gedanken, daß es die liebe Mündlichkeit so
mit sich bringe. Als ob der Verlust von Geld und Gut
minder schmerze, wenn er im Wege mündlichen Verfahrens
zugefügt wird! — Und wenn doch wenigstens das Princip
der Mündlichkeit eine wirkliche Fassade des Gebäudes wäre!
In der That ist sie kaum mehr als eine Coulisse, eine ge-
malte, erlogene Fassade; und das Reichsgericht, insoweit es
die Rechtsprechung auf das Mündlichkeitsprincip der Proceß-
ordnung stützen will, gleicht einem Baumeister, der es unter-
nimmt, auf eine gemalte Theatercoulisse, die eine Grund-
mauer vorstellt, einen Steinbau zu errichten. Der Zusammen-
bruch ist hier wie dort unausbleiblich. — Unser Proceß ist ja
gemischter Natur; er hat Schriftlichkeit und Mündlichkeit.
Das Gerippe des Processes aber, welches ihn befähigt, zu
gehen und zu stehen, ist das Schriftliche, und wenn man in
dessen Verkennung Alles auf die Mündlichkeit basiren will,
dann stürzt das System zusammen wie ein Mensch ohne
Knochen. Es giebt eine mclte indigestaque moles, mit der
nichts anzusangen ist. Das Mündliche ist meist nebensächlich,
hier und da auch bloß dekorativ; letzteres z. B. in der Revi-
sionsinstanz, im Kontumazialverfahren erster Instanz."
Soweit diese Zuschrift, lieber die Mündlichkeit wüßte
ich in der That nichts Besseres zu sagen. Und auch die Kritik
der zur Zeit herrschenden Richtung ist zwar etwas herbe, aber
nicht ganz ungerecht. Wenn der Schreiber des Briefes darauf
hinweist, daß in der Revisionsinstanz die Mündlichkeit in der
That nur eine nebensächliche, fast dekorative Bedeutung habe.

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