Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 23 = N.F Bd. 11 (1885))

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Dr. O. Bähr,

zu geben. Die Vollendung in der Form mußte um so mehr
imponiren, als bekanntlich ein Verständniß für die Technik des
Rechtes, welche dessen materiellen Inhalt zu tragen hat, nicht
sehr weit verbreitet ist. Vortrefflich verstand es auch Leon-
hardt, dieses Nichtverständniß sich zu nutze zu machen. War
er auch, wie er einstmals versicherte, politisch frei von „libera-
lisirenden Neigungen", so neigte er doch auf juristischem Gebiete
nicht etwa zum Liberalismus, sondern zum Radikalismus.
Der Radikalismus aber übt auf allen Lebensgebieten dieselbe
Wirkung: er imponirt den Halbgebildeten und schädigt das
Leben.
Das erste große Gesetzwerk, mit welchem Minister Leon-
bardt hervortrat, waren die im Herbst 1868 dem Abgeordneten-
hause vorgelegten Gesetzentwürfe über die Rechte an Grund-
vermögen. Er hatte sich für deren Ausarbeitung allerdings
der Hülfe seines damaligen Referenten, des Geheimerath Förster,
bedient. Aber er trat von vornherein für dieselben persönlich
ein, indem er sogar den Wunsch zu erkennen gab, daß die
Vorlagen ohne alle Kommissionsberathung im Abgeordneten-
hause angenommen werden möchten. Der Inhalt dieser Ent-
würfe ist ihm daher vollständig zuzurechnen. Die Grund-
gedanken derselben waren nicht neu; sie waren bereits in den
Gesetzgebungen anderer Länder, namentlich von Sachsen und
Mecklenburg, zur Ausführung gelangt und waren bei ver-
ständiger Ausführung auch zu billigen. Die Verfasser der
Entwürfe hatten aber diese Gedanken nicht genügend erfaßt;
wovon die Entwürfe selbst und noch mehr deren Motive Zeug-
niß gaben.
Bezüglich des Eigenthums wollte man zu dem System
übergehen, daß, unabhängig von der Tradition, Eigenthum
nur durch gerichtlichen Vertrag übertragen werde. Zugleich
wollte man in dem im Grundbuch vollzogenen Eintrag des

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