Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 24 = N.F Bd. 12 (1886))

Ein Wort über meine Kritiker.

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auf anderen Rechtsgebieten nicht eine durchweg erfreuliche
Wissenschaft sich entwickelt habe. Dabei wurde gesagt:
„Die Civilproceßordnung ist ein Gesetz, bei welchem sehr viel geistige
Kraft verwendet ist. Sie galt, als sie erlassen wurde, den meisten für ein
Werk von fast idealer Vollkommenheit. Wie sieht denn nun aber die aus
ihr hervorgegangene Wissenschaft aus? Man betrachte einmal die ein-
schlagende Literatur. Schon in ihrem Umfange ist sie wahrhaft schrecken-
erregend. Da kommt zunächst die ganze Schar dickleibiger Kommentare.
Dann die namenlose Menge selbständiger Abhandlungen, theils in Mono-
graphieen, theils in Zeitschriften, die bereits zu einer stattlichen Sammlung
von Bänden herangewachsen sind. Die Zahl dieser processualischen Werke
beträgt schon mehr als 1000, und ihr Verzeichniß füllt einen ganzen Band.
Es ist, als ob jeder Paragraph dieser neuern Gesetze eine ganze Pandora-
büchse von Streitfragen eröffnete. Und welche kläglichen Fragen sind es
meist, um die es sich dabei handelt! Aber alles, was eine Feder führt, der
Oberlandesgerichtsrath wie der Amtsrichter, der Professor wie der Rechts-
anwalt, stürzt sich darauf und behandelt diese Fragen „wissenschaftlich."
Und wie selten findet man in diesen Arbeiten noch eine Erinnerung daran,
daß die Rechtswissenschaft doch eigentlich eine Wissenschaft des Vernünftigen
sein sollte! Es ist ein Rechnen mit dem Buchstaben, das noch weit schlimmer
ist, als alles Rechnen mit Begriffen. Möchte doch Jhering, wenn er ein-
mal (wie er andeutet) in seiner romanistischen Literatur sich unglücklich
fühlt, in diese Proceßliteratur hineinsteigen. Das würde ihn sicherlich
trösten. Er würde dann sagen: „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht Pro-
cessualist geworden bin"; und er würde vielleicht auch mit Faust ausrufen:
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort am schalen Zeuge klebt,
Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
Der viel besprochene Aussatz „Das deutsche Reichsgericht"
in der Kölnischen Zeitung vom 10. Oktober 1884 brachte
über die wissenschaftliche Ausbildung der neuen Proceßord-
nungen folgende Bemerkung:
„Das Ergebniß ist jedenfalls, daß die processualische Praxis des
Reichsgerichts nur wenig befriedigt hat, und zwar hier mit ungleich mehr
Recht als in der Praxis bezüglich der materiellen Rechte."
Man sieht hieraus, daß die Ansichten über den Werth
unserer modernen Proceßwissenschast jedenfalls getheilt sind.

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