Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 26 = N.F Bd. 14 (1888))

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Dr. O. Biihr,

daß der colonus zu dem von ihm bebauten Grundstück nicht
anders stehe, als der Verwalter oder Sklave, der das Grund-
stück für seinen Herrn bebaut94), so kann man ja durch eine
solche Tradition das Eigenthum, frei von allen Verpflichtungen
gegen den Pachter, als auf den Käufer übergegangen ansehen.
Es ist aber nicht ganz ohne Zweifel, ob nicht sogar schon bei
den Römern andere Ansichten im Laufe der Zeit zur Geltung
gekommen seien. In I. 12 D. de vi wird die als widerrecht-
lich bezeichnete Weigerung des Pachters, dem Käufer des Grund-
stückes zu weichen, am Schluffe durch den Satz beschränkt:
nisi körte propter justam et probabilem causam Id
fecisset;
und man hat auch die noch fortdauernde Pacht als eine solche
justa et probabilis causa der Weigerung gelten laffen
wollen **). Ich halte jene Worte für einen Zusatz Tribonians,
den dieser vielleicht aus l. 20 D. de poss. herübergenommen
hat. Was eigentlich dabei gedacht sei, ist schwer zu sagen.
Jedenfalls kommt man aber zu einem anderen Ergebniß, als
die römischen Juristen der früheren Zeit, wenn man einen
Besitz des Pachters an dem Grundstück anerkennt. Dann
kann der Verkäufer das Grundstück über den Kopf des Pachters
weg ebensowenig tradiren, wie der Verkäufer des Klaviers das-
selbe tradiren kann, wenn es in der Stube des Miethers steht.
Ich halte hiernach die Vorschrift des preuß. Landrechts
(Th. I Tit. 21 § 358) und des Code civil (Art. 1743), daß
durch den Verkauf die Rechte des Miethers und Pachters
nicht geändert werden, für eine richtige Bestimmung im Sinne

94) Vergi. I. 1 § 22 D. de vi: Quod servus vel procurator vel
colonus tenent, dominus videtur possidere. Noch in vielen anderen Stellen
wird der Besitz des colonus mit dem des servus zusammengestellt.
95) So Mühlenbruch, Tesion § 25 N. 75.

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