Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 26 = N.F Bd. 14 (1888))

Schriftliche oder freie Bertrag-form?

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anschlagen, weil wir ein Feind jeder Vermehrung künstlicher
Rechtsbestimmungen sind, welche heutigen Tags leider so viel-
fach Anlaß zu unerwünschten Controversen geben. Wie jeder,
der darin Erfahrung hat, bezeugen kann, ist es überhaupt
nicht leicht, einen nur einigermaßen umfangreichen Vertrag
so vollständig und bündig niederzuschreiben, daß daraus keine
Zweifel entstehen können. Man denke dabei nur an die
größere Masse des Publikums, welche die dazu erforderliche
Befähigung und Uebung nicht besitzt und darum bei der
gesetzlichen Einführung der Schristsorm darauf angewiesen ist,
dazu befähigte Personen unter Umständen mit nicht unerheb-
lichen Kosten und Beschwerlichkeiten darum anzugehen. Zur
präcisen Errichtung und Niederschrift eines nicht ganz einfachen
Vertrags gehört u. E. nicht allein ein klarer Kopf und die
vollständige Beherrschung des schriftlichen Ausdrucks, die ja
in vielen Ständen zu finden sind, sondern auch Bekanntschaft
mit den allgemeinen Rechtsbestimmungen und eine gewisse
Anlage zu einem folgerichtigen und tieferen Durchdenken des
Gegenstandes, insbesondere Bedenken aller Eventualitäten, die,
wie man zugeben wird, nicht ein Allgemeingut bilden. Will
man nun die Interessenten, wenn auch nicht in allen Fällen
— denn der Verfasser nimmt selbst am Schluß seiner Abhand-
lung eine ganze Reihe von Verträgen von dem Schriftzwang
aus — so doch in der Regel zwingen, sich der Hülfe von
Rechtsverständigen oder anderen Personen, welche die geschil-
derte Fähigkeit besitzen, zu bedienen? Oder ist es vom gesetz-
geberischen und öffentlichen Standpunkt aus nicht richtiger,
dies dem Publikum zu überlassen? Wer sich ein Beweismittel
verschaffen will, kann sich ja ohnehin der schriftlichen Form
bedienen; wenn große Objecte auf dem Spiel stehen, oder die
Verhältnisse besonders schwierig und verwickelt sind, bedienen
sich die Interessenten auch im Gebiete des gemeinen Rechts,

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