Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 26 = N.F Bd. 14 (1888))

Schriftliche oder freie Vertragsform?

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Gewissenlosen einen Vorwand gibt, sich von mündlich verab-
redeten Verträgen loszusagen, geeignet ist, Uebereilungen in
einem größeren Maß vorzubeugen; denn die Verträge kommen
durch mündliche oder schriftliche Verhandlung der Parteien zu
Stande; die Schrift, welche darüber aufgesetzt wird, ist nur
die Form; mag man sie theoretisch als die eigentliche Vertrags-
form, oder nur als Beurkundung des Vertrags ansehen, so
dient sie doch im praktischen Leben in der weitaus größten
Anzahl der Fälle nur dazu, die mündlichen Verabredungen
schriftlich zu fixiren; Uebereilungen sind daher auch bei der
Schriftform nicht ausgeschlossen. Wenn ferner durch die Ein-
führung der Schriftform bezweckt wird, die Entstehung von
Zweifeln, Streitigkeiten und Prozeffen über die eigentliche
Willensmeinung und Verabredung der Parteien zu verhüten,
so kann dieser Zweck zwar, wenn die Niederschrift des Ver-
trags correct erfolgt, erreicht werden; es ist aber zu bezweifeln,
daß die Erreichung dieses Zwecks im Allgemeinen so wohlthätig
wirkt, daß der Vortheil die mit der Schriftform verbundenen
Nachtheile überwiegt. Man muß hierbei zunächst den Irrthum
vermeiden, als ob mit der Einführung der Schriftform die
Quelle der Prozesse verstopft und eine absolut sichere Grundlage
für das entstandene Vertragsrecht gewonnen wäre. Erreicht
ist damit nur eine Beweisurkunde über den Abschluß
eines Vertrags und auch dies nicht einmal in denjenigen
Fällen, in denen die Vereinbarungen so mangelhaft niederge-
schrieben sind, daß daraus das Vorhandensein eines Consenses
über die wesentlichen Bestimmungen des Vertrags nicht mit
Sicherheit gefolgert werden kann. Will man aber auch zu-
geben, daß diese Fälle zu den verhältnißmäßig seltenen gehören,
so kann man doch nicht annehmen, daß die schriftliche Fest-
setzung der Vertragsbestimmungen in der Mehrzahl der Fälle
so eract und vollständig ist, daß über die Auslegung der Be-

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