Full text: Volume (Bd. 9 (1866))

330 Handelsr. Entscheidungen aus verschiedenen deutsch. Staaten.

Kennen müssen gleich. Auch hier muß man davon ausgehen, daß,
wer diejenigen Erkundigungen nicht einzieht, welche ein ordentlicher
Kaufmann nicht zu unterlassen pflegt, die in Frage kommenden That-
sachen als für seine Willensbestimmung unwesentlich erklärt.
Ganz besonders tritt diese Erwägung bei gewagten Geschäften
ein; hier ist überall kein Raum zu einem blinden Vertrauen auf den
Gegencontrahenten, denn wo jeder Theil auf Kosten des andern einen
Gewinn machen will, da muß vor Allem die Chance sorgfältig ge-
prüft werden.
Dieser Grundsatz ist auch im a. d. H.-G.-B. (Art. 812, Abs. 2)
für die Seeversicherung anerkannt, umsomehr hat er bei Lebens-
versicherungen Anwendung zu finden, wo das eigenthümliche Object
der Versicherung, wie bereits mehrfach erwähnt, die subjective An-
zeige des Versicherungsnehmers über dessen Beschaffenheit noth-
wendig von vornherein als eine zweifelhafte erscheinen läßt. Im
gegebenen Falle hat A. seinen Hausarzt Dr. £. richtig angegeben, er
hat eine ihn angeblich genau kennende Auskunftsperson bezeichnet
und es durfte um so weniger eine genauere Recherche umgangen
werden, als der Versicherungsnehmer nach dem ärztlichen Parere
des Arztes der Gesellschaft auch seiner äußern Erscheinung nach
hierzu offenbar Anlaß gab*). Hatte nun aber die Gesellschaft, bez.
deren Vertreter, nach den gepflogenen Erhebungen Ursache, an der
Richtigkeit der Angaben des A. zu zweifeln, und unterließ sie eine
Richtigstellung derselben durch die ihr gebotenen Mittel, so kann
als rechtliche Folge nur die Annahme Platz greisen, daß eben der
Versicherer aus irgend welchen Motiven die ihm ungünstige Chance
laufen wollte**).
Böser Glaube oder grobe Nachlässigkeit können vom Gesetze
keinen Schutz verlangen und wenn die Versicherungsgesellschaft nicht
durch Täuschung, sondern durch eigenes Verschulden einen ihr nach-
theiligen Vertrag einging, hat sie diesen Nachtheil auch zu tragen.
Dem Vorgetragenen zufolge wurde der beklagten Gesellschaft
Beweis sreigestellt:
*) Dieses Parere enthielt unter Anderem die Angabe, daß A. schmächtig,
mit schmaler Brust und schlecht ernährt sei.
**) Es lassen sich hierfür verschiedene Gründe denken; z. B. Gewinnung
des Renommee coulanter Geschäftsbehandlung rc.

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