Full text: Volume (Bd. 21 (1871))

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Abhandlungen.

und daher wäre es eine Ausnahme von der allgemeinen Regel,
von dem notwendigen Grundsätze, wenn Lei der Stellvertretung
die rechtlichen Wirkungen einen Andern, als den durch seinen
Willen das Rechtsgeschäft Begründenden treffen sollten. — Diese
Ausnahme müßte vom Gesetz ausdrücklich normirt sein, was jedoch
nicht der Fall ist: denn alles, was das Gesetz in dieser Hinsicht
bestimmt, ist, daß der Vertretene aus dem in seinem Namen ge-
mäß der Vollmacht vom Vertreter geschlossenen Rechtsgeschäfte
allein berechtigt und verpflichtet wird, daß insbesondere sür den
Vertreter dieses Rechtsgeschäft keine Rechte und Verbindlichkeiten
erzeugt. Diese Rechtsregel bestimmt also nicht, daß durch sie eine
Ausnahme von dem Fundamentalsatze: „jede rechtliche Wirkung
trifft nur den Urheber derselben," normirt sein soll, dieser Sinn
wird ihr blos unterschoben, obwol man sie natürlicher Weise ganz
im Sinne jenes unumstößlichen Grundsatzes erklären kann.
Nachdem ich so das Wesen der modernen Stellvertretung in
Kürze vorgetragen habe, will ich vorerst untersuchen, ob im römischen
Rechte eine solche sich Nachweisen läßt, ob also nach römischem Rechte
Jemand durch Rechtsgeschäfte dritter Personen ausschließlich be-
rechtigt und verpflichtet werden konnte.
II.
Das alte römische Recht, das sich durch seine strenge, oft
rücksichtslose Consequenz auszeichnet, verneint prinzipiell jede Ver-
tretung x), jede rechtliche Wirkung tras nur den Urheber derselben
Diese prinzipielle Verneinung mag wol in der altern* 2 3), aber
nicht in der ältesten Zeit ^ in dem religiös sakralen Charccker
aller Rechtsacte, der überall das Selbsthandeln sorderte, gelegen
gewesen sein, doch war dies nicht der Hauptgrund, der vielnehr

*) § 4. J. (3. 20.) L. 126. § 2 (45. 1.) L. 11. (44. 7.) L. 73. § 4.
(50. 17.) L. 38. § 17. (45. 1.) L. 6. C. (4. 50.) L. 26. C. (5.12.) I. 1. C.
(4. 27.) L. 19. C. (5. 12.)
2) Vgl. Jhering, Geist des röm. Rechts, S. 95: „Bezeichnend ist, daß
die Religion erst nach dem Rechte erscheint, denn hier ist die historische Ord-
nung, wonach das Recht ursprünglich einen religiösen Charakter hat, und erst
später einen profanen Charakter annimmt, geradezu umgekehrt. Vgl. auch die
dort zitirte Stelle bei Hegel: Philos. der Geschichte, S. 361.
3) Wie dies Endemann, § 27, Note 4 behauptet.

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