Full text: Volume (Bd. 6 (1865))

Schaden durch Zusammenstoß von Schiffen (abordage).

423

„Wenn sich das Schiff unter der Führung eines Zwangs-
lootsen befunden hat und die zur Schiffsbesatzung gehörigen
Personen die ihnen obliegenden Pflichten erfüllt haben, so
ist der Rheder des Schiffs von der Verantwortung für den
Schaden frei, welcher durch den von dem Lootsen verschul-
deten Zusammenstoß entstanden ist."
Aus dieser Bestimmung ist zunächst, namentlich auch als Abweichung
vom preußischen Entwürfe, hervorzuheben, daß sie nur den Fall, da
das Schiff von einem Pflicht- oder Zwangs-Lootsen (cornprnlsor^
pilot) geführt wird, betrifft und für den Fall der freiwilligen Ueber-
laffung des Commandos an (andere als Zwangs-) Lootsen nicht ein-
mal vermittelst eines — immer gefährlichen — argumentum e
contrario zu verwerthen sein wird. Unter einem Zwangslootsen aber
ist derjenige Lootse zu verstehen, den der Schiffer in Folge obrigkeit-
licher Annordnung annehmen muß.* *) Einen solchen gesetzlichen
Zwang zur Annahme eines Lootsen hat man als vis major aufge-
faßt in dem Sinne und mit der Wirkung, daß der Schiffer hier so
wenig bezüglich der Aufnahme oder Nichtaufnahme an sich, wie be-
züglich der Person des betreffenden Lootsen sich frei und willkürlich
entschließen könne, folgeweise aber auch der Rheder mit jeder Verant-
wortlichkeit für die Versehen eines solchen aufgedrungenen Vertreters
zu verschonen sei. Wenn auch in dem Falle, da der Schiffer etwa
nur aus Vorsicht, vielleicht gar aus Bequemlichkeit einen Lootsen an
Bord nimmt, der Letztere als gewollter, freiwillig substituirter Ver-
treter nicht nur des Schiffers, sondern mittelbar allenfalls auch des
Rheders selbst gelten kann und insofern es gerechtfertigt erscheinen
mag, hier den Rheder in gleicher Weise, wie derselbe für die Versehen
der gesammten übrigen Besatzung haftet, auch für ein Verschulden
des Lootsen haften zu lassen, so läßt sich doch der Fall der Annahme
eines Zwangslootsen unter eben diesen Gesichtspunkt nicht bringen.
Zwar hat man dieß gleichwohl versucht und namentlich geltend ge-
macht, wie der Rheder doch immer im Voraus wisse, daß der Schiffer
vom 21. Januar 1858 (Entsch., Bd. 38, S. 266) und vom 18. October 1859
(Archiv fürRechtsf., Bd. 34, S. 173).
*) Bergt, insbesondere für Preußen Gesetz, betreffend die Erleichterung des
Lootsenzwanges in den Häfen und Binnengewässern der Provinzen Preußen und
Pommern. Vom 9. Mai 1853 (G.-S., S. 216).

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer