Full text: Volume (Bd. 6 (1865))

Schaden durch Zusammenstoß von Schiffen (abordage).

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alle Fälle eine, wenn auch durch Gegenbeweis zu entkräftende gesetz-
liche Vermuthung aufzustellen, wurde— um nur die Hauptgründe
zu resümiren — für bedenklich gehalten, einmal, weil nach dem Gut-
achten der darüber gehörten Sachverständigen eine solche Vermuthung
factisch bei weitem nicht immer zutreffe, namentlich auf der Rhede,
wo sich ankernde Schiffe oft in einem ziemlich großen Umkreise um
den Anker herumbewegen, für das segelnde Schiff eine sichere und
freie Wahl des Curses und damit eine Vermeidung der Collission zur
Unmöglichkeit werden könne, sodann, weil die Präsumtion, im Hin-
blick zumal auf die Schwierigkeit des Gegenbeweises, jedenfalls noch
eine schwer zu erschöpfende Reihe weiterer Beschränkungen und Be-
stimmungen vorzugsweise für solche Fälle erforderlich mache, in denen
grade der Führer des befestigten Schiffes durch Wahl einer ungeeig-
neten Stelle oder durch sonstige Versäumung der üblichen Vorsichts-
maßregeln gefehlt habe. *)
2. Eine andere gesetzliche Vermuthung dagegen ist aus dem preuß.
Entwurf auch in das H.-G.-B. recipirt. Es bestimmt nämlich Art.
739 (nach dem Vorgänge des holländischen H.-G.-B.):
„Ist ein durch den Zusammenstoß beschädigtes Schiff
gesunken, bevor es einen Hafen erreichen konnte, so wird
vermuthet, daß der Untergang des Schiffes eine Folge des
Zusammenstoßes war."
Die Veranlassung zu dieser Bestimmung ist wieder nur in der
Schwierigkeit der Beweisführung zu suchen. Zur Begründung des
Schadenersatzanspruches gehört der Nachweis, daß der Schaden eine
Folge des Zusammenstoßes ist. Dieß wird aber dann am schwie-
rigsten nachzuweisen sein, wenn ein Schiff in Folge der erlittenen Be-
schädigung bei der Weiterfahrt sinkt, weil hier meist die Zeugen des
Unglücks fehlen.**) Dieser Schwierigkeit ist durch Aufstellung der
gesetzlichen Vermuthung Rechnung getragen. Der Gegenbeweis
wird dadurch nicht ausgeschlossen. Er ist nicht grade nothwendig
positiv dahin zu richten, daß ein anderes Ereigniß und welches den
Untergang des Schiffes zur Folge gehabt hat. Vielmehr muß schon
der Nachweis genügen, daß die durch den Zusammenstoß herbeige-

*) Hamb. Prot., S. 27k9 ff.
**) Motive zum Preuß. Eutw., S. 322.

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