Full text: Volume (Bd. 6 (1865))

406

Abhandlungen.

Fällen eines Zusammenstoßes von Schiffen vielleicht hier und da zu
billigeren, gewiß aber mit den Bestimmungen der lex Aquilia nicht
zu vereinbarenden Entscheidungen führten. Die Modificationen be-
standen hauptsächlich in Folgendem:
1) Bei rein zufälligem, insbesondere erweislich durch die Ge-
walt der Elemente herbeigesührtem Zusammenstoß (abordage par
force majeure) müßte nach allgemeinen Rechtsgrundsätzen jeder
Schadensersatzanspruch ausgeschlossen bleiben. Der Beschädigte
müßte den erlittenen Schaden ohne Anspruch auf Vergütung allein
tragen. Jndeß ein gewisses Billigkeitsgefühl, dem es zu widerstreben
schien, den in der Regel bedeutenden Verlust ausschließlich von Einem
der beiden durch denselben Zufall betroffenen Interessenten tragen
zu lassen, hat hier in vielen Particulargesetzgebungen schon früh zu
einer Repartition der erlittenen Schäden über beide Schiffe geführt,*)
wobei im Einzelnen freilich über den Umfang des zu repartirenden
Schadens, über den Maßstab bei Anlegung der Repartition, über
die Heranziehung der Ladungen und über manches Andere sehr ver-
schiedenartige Bestimmungen galten.
2) Bei nicht aufgeklärter Veranlassung des Zusammenstoßes,
wo auf keiner Seite eine Schuld erwiesen ist (abordage fortuit,
abordaggio incerto) — ein Fall, welcher rechtlich ohnehin dem
ersten gleichsteht und thatsächlich vielleicht der am häufigsten vor-
kommende sein wird — war das Repartitions-Princip noch weiter
verbreitet als im ersten Falle.
Hier insbesondere beruhte die Modification der allgemeinen
Rechtsgrundsätze — abgesehen von der schon beim ersten Falle her-
vorgehobenen Billigkeit — theils auf der Annahme, daß, wenn man
beide Theile die Folgen des Zusammenstoßes tragen lasse, auch Beide
ihn abzuwenden nach besten Kräften bemüht sein würden, theils auf
der Erwägung, daß in den weit meisten Fällen eine Schuld auf einer
von beiden Seiten gewiß begründet und nur nicht nachzuweisen sein
würde, theils endlich auch wohl auf der alten germanischen Rechts-
*) Das Repartitions-Princip ist in seiner Entstehung zurückzuführen auf
die mittelalterliche Rechtsanschauung, welche in solchen Fällen die Frage über die
Schuld oder Schuldlosigkeit der Betheiligten formell durch deren Eid beseitigen
ließ, dann aber wegen der übrig bleibenden materiellen Zweifel den Schaden ver-
theilte.

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