Full text: Volume (Bd. 6 (1865))

142 Handelsr. Entscheidungen aus verschiedenen deutsch. Staaten.
directe Aufträge ähnlicher Art von Beklagtem erhalten habe, ob es
dem Kläger bekannt gewesen, daß der Beklagte seit längerer Zeit stets
auf das Steigen der Oelpreise speculirt habe. Alle diese Umstände
können jedoch keinen Einfluß auf die Beurtheilung der Sache äußern.
War die Depesche von der Beschaffenheit, daß sie von einem unbe-
fangenen Empfänger als Verkaussauftrag angesehen werden mußte,
oder auch nur durfte, und handelte der Kläger demgemäß, so kann es
seinem Anspruch auf Schadlosfallung nicht entgegenstehen, wenn er
anfangs einen Zweifel über die wahre Absicht des Beklagten gehegt,
auch dieß etwa gegen Dritte geäußert haben sollte, sich aber dennoch
bei näherer Erwägung überzeugt hielt, daß ihm wirklich ein Ver-
kaufsaustrag des fraglichen Inhalts ertheilt worden sei. Daß jeder
vorübergehende Zweifel ihn verpflichtet hätte, über die Bedeutung
der Depesche erst beim Beklagten anzufragen, läßt sich um so weniger
behaupten, als damit die Gefahr verbunden gewesen wäre, die Börsen-
zeit des betreffenden Tages und damit zum Nachtheil des Beklagten
die augenblickliche Conjunktur zu versäumen. Noch weniger können
daher solche Umstände in Betracht kommen, welche blos möglicher
Weise einen Zweifel der gedachten Art bei dem Kläger hätten erregen
können. Der etwaige Mangel einer längeren Geschäftsverbindung
konnte wohl auf den Entschluß des Klägers einwirken, ob er den be-
deutenden Auftrag übernehmen wolle oder nicht, in keiner Weise aber
an dem nöthigen Verständniß der Depesche und an der Befugniß,
sich dem Aufträge sofort zu unterziehen, etwas ändern. Ebensowenig
war der Kläger irgend verpflichtet, sich in eine nähere Erwägung
darüber einzulassen, ob der Beklagte nach dem bisherigen Gange
seiner Speculationen und nach der augenblicklichen Conjunctur Anlaß
und Neigung gehabt haben werde, jetzt gerade ein auf Fallen der
Preise berechnetes größeres Geschäft zu wagen. Anders würde es
allerdings stehen, wenn der Beklagte sich nachzuweisen getraut hätte,
daß der Kläger die Depesche wirklich nicht als Verkaufsauftrag auf-
gefaßt habe und folglich mala üäe zum Vollzug eines scheinbaren
Auftrags geschritten sei. Allein diese offenbar eine Einrede bildende
Behauptung hat der Beklagte nicht bestimmt geltend gemacht.
W.

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