Full text: Volume (Bd. 6 (1865))

Freie Stadt Frankfurt und Ober-App.-Ger. Lübeck. 141
mocht hat, was den Kläger auf die Muthmaßung einer bloßen Raths-
ertheilung hätte bringen können. Der Gedanke an eine beabsichtigte
Anfrage mußte aber aus doppeltem Grunde ausgeschlossen sein.
Einmal wäre für den Kläger als einen Fruchthändler, welcher aus
dem Handel mit Rüböl ein Geschäft machte, ein Zweck der allge-
meinen Frage, ob er eine gewisse Quantität Rüböl verkaufe, gar
nicht abzusehen gewesen. Sodann aber wäre die Mittheilung auch
äußerlich eine unvollständige gewesen. Denn die Worte „Verkaufen
Sie" können schriftlich eben nur dadurch den Ausdruck der Frage-
form erhalten, daß ein Fragezeichen hinzugesügt wird, während sie
bei mündlicher Rede durch den Ton, womit sie ausgesprochen werden,
sich als Frage kenntlich machen. Hier wäre also ein Fragezeichen
unentbehrlich gewesen. Für die imperative Redeform gibt es dagegen
keine specifische Jnterpunction; es kann darauf ein Punkt, ein Komma,
ein Kolon, ein Ausrufungszeichen folgen. Hier aber bedurfte es gar
keiner Jnterpunction, da die ganze Mittheilung nur aus einem ein-
zigen Satze bestand, dessen Schluß schon durch die unmittelbar darun-
tergesetzte Unterschrift genügend bezeichnet war; es fehlt sonach an
jedem Grunde, welcher den Kläger hätte veranlassen müssen, in der
Mittheilung etwas Anderes als einen Verkaufsaustrag zu finden.
Der Verkaufsauftrag ist aber auch seinem Inhalte nach kein
lückenhafter, wenn man erwägt, wie gewöhnlich die gedrängteste
Kürze im schriftlichen und namentlich telegraphischen Geschäftsverkehr
ist. Insbesondere ist weder die Beifügung einer Frist noch eines spe-
ciellen Preislimito nöthig. Schon die Wahl der telegraphischen
Mittheilung konnte keinen Zweifel darüber lassen, daß es dem Com-
mittenten auf eine schleunige Vollziehung und auf Benutzung der
augenblicklichen Conjunctur ankam, wobei der Börsenpreis des Tages
der Ausführung die natürliche Grenze für den Verkaufspreis bilden
mußte.
Außerdem hat das Appellationsgericht noch auf die Behauptung
des Beklagten, daß der Kläger beim Empfang der Depesche selbst
Zweifel darüber gehabt habe, ob er sie als einen Verkaufsauftrag
betrachten dürfe, sowie auf mehrere Umstände Werth gelegt, welche
geeignet sein könnten, einen Zweifel der Art anzuregen oder zü be-
schwichtigen, nämlich darauf, ob die Parteien schon in fortlaufender
Geschäftsverbindung mit einander gestanden und Kläger schon früher

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