Full text: Archiv für Theorie und Praxis des allgemeinen deutschen Handelsrechts (Bd. 2 (1864))

430 Inwieweit haftet der Frachtführer und Schiffer für Verlust, insbesondere
begreifen, welche mit einem höheren Grade von Schlauheit verübt
worden sind. Doch verstehen wir im Deutschen unter Gewalt nie-
mals die bloße Schlauheit. Da nun im deutschen H.-G.-B. auch
das deutsche Wort maßgebend sein muß, so fallen auch die mittelst
Schlauheit verübten Diebstähle dem Frachtführer allemal zur Last.
Das Handelsgesetzbuch weist jedoch selbst durch die in Paren-
these hinzugesügten Worte „vis major" auf das gemeine Recht
hin. Deshalb erscheint es geboten, auf die Ansichten der Lehrer des
gemeinen und römischen Rechtes über die Bedeutung dieser Worte
näher einzugehen. Wir gerathen damit auf ein Gebiet reicher Con-
troversen, welche Goldschmidt in seiner das receptum nautarum,
cauponum, stabulariorum betreffenden Abhandlung (S. 58 folg.
Jahrgang 1860 der Zeitschrift für das gesammte Handelsrecht) sehr-
gründlich erörtert hat. Er stellt zuvörderst die verschiedenen Ansichten
darüber zusammen, was „vis major" im Sinne des römischen Rechts
bedeute. Die gewöhnlichste Meinung ist: man habe unter „vis ma-
jor" ein an sich unabwendbares Naturereigniß oder eine fremde,
offenbare (unwiderstehliche) Gewaltthat verstanden. Ein beliebtes
Beispiel sei, daß selbst Feuer in einem Gasthause (Schiffe) nicht von der
Haftbarkeit befreie. Wogegen andere z. B. Mittermaier (Grund-
sätze des deutschen Privatrechts II, § 540 und im Archiv für Wechsel-
recht Bd. I, S. 162) unter „vis major" ein Ereigniß verstehen, welches
der Schuldner nicht vorhersehe und vermeiden konnte, in Ansehung
dessen ihn auch keine Schuld trifft.
Bei dieser Verschiedenheit der Ansichten ist eine auf das Gesetz«
selbst zurückgehende Prüfung nöthig.
Während nämlich das Edict nach 1. 1 pr. D. h. t. (4, 9) eine
unbedingte Haftpflicht mit den Worten:
Nautae, caupones, stabulari; quod cujusque sal-
vum fore receperint, nisi restituent, in eos judicium
dabo
aussprach, wurde die Haftpflicht von den Juristen doch aus Gründen
der Billigkeit beschränkt, denn 1. 3, § 1 a. a. O. sagt:
Miratur igitur, cur honoraria actio sit introducta,
quum sint civiles; nisi forte inquit, ideo ut innotesce-
ret Praetor curam agere reprimendae improbitatis

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