Full text: Archiv für Theorie und Praxis des allgemeinen deutschen Handelsrechts (Bd. 2 (1864))

durch Diebstahl, des Frachtguts?

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Grad" von Gewalt verstehen. Es liegt auch wirklich in der Natur
der Sache, daß der Frachtführer nicht schon dadurch außer Verant-
wortlichkeit kommen kann, daß der Diebstahl durch Einbruch, Ein-
steigen oder Nachschlüssel verübt worden ist.
Der Frachtführer hat unzweifelhaft die Verpflichtung, alle mög-
liche Sorgfalt anzuwenden, um das Frachtgut vor Verlust und Be-
schädigung zu sichern. Es genügt also nicht, daß er die gewöhn-
lichen Vorsichtsmaßregeln trifft und das Frachtgut irgend wie
unter Verschluß bringt, sondern der Frachtführer muß auch noch
mit aller Sorgfalt prüfen: ob der von ihm gewählte Verschluß das
Frachtgut in der That hinreichend sicherstellt, so daß die Entwendung
nur durch außerordentliche, nicht wohl vorauszusehende Mittel zu bewir-
ken war, und die besondereBewachung des Frachtguts unterbleiben kann.
Es würde also z. B. nicht genügen, wenn der Frachtführer den
Frachtwagen über Nacht auf einem verschlossenen Hofe stehen läßt, dessen
Mauern aber so niedrig sind, daß sie ohne Anlegung von Leitern
überstiegen werden können. Vielmehr hat in solchem Falle der Fracht-
führer doch noch für Bewachung des beladenen Wagens zu sorgen,
weil sonst die Entwendung mittelst Uebersteigen der Mauern nicht
als ein solcher höherer Grad von Gewalt angesehen werden kann,
welcher erst den Frachtführer von der Haftung entbindet.
Daß aber der angegebene Sinn der Worte: „höhere Gewalt"
richtig ist, ergibt auch die Hinzufügung der lateinischen Worte „vis
major" im deutschen H.-G.-B. Auch im Lateinischen versteht man
nämlich unter „vis major" nicht blos die Anwendung körper-
licher Kräfte, wie sie bei Verübung des Diebstahls durch Einbruch
vorkommt. Vielmehr ist die Bedeutung der „vis" eine noch weitere
als die unserer „Gewalt", denn man versteht unter „vis" auch bloße
Schlauheit.
So sagt Ulpian im §. 8 der 1. 2. D. vi bonorum raptorum
(47. 8) bei Erläuterung der Worte des Edicts:
Doli maii mentio hic et vim in se habet, nam qui
vim facit, dolo malo facit. Non tamen qui dolo malo
facit, utique et vi facit; ita dolus habet in se et vim,
et sine vi, si quid callide admissum est, aeque
continebitur.
Man könnte unter vis major daher sogar diejenigen Diebstähle

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