Full text: Volume (Bd. 11 (1867))

Königreich Preußen. Art. 298. (5V. 52.)

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seiner Gewahrsam, d. h. tatsächlich in feiner Gewalt gehabt habe.
Hier habe G. das Geld selbst vereinnahmt, und sofort in der Absicht,
es für sich zu gebrauchen, in seine Tasche gesteckt. Unter diesen Um-
ständen habe der Principal nie die Gewahrsam der Sache erlangt
gehabt. Dazu reiche es nicht hin , daß der im Laden die Zahlung
leistende Käufer die Absicht gehabt haben möge, den Besitz an dem
Gelde auf den Principal zu übertragen.
Das Obertribunal hat das Urtheil 2. Instanz vernichtet,
und ausgeführt:
„Es ist allerdings richtig, daß die Unterscheidung zwischen den
beiden Begriffen des Diebstahls und der Unterschlagung durch den
civilistischen Begriff der Gewahrsam gebildet wird. Für
die Gewahrsam werden aber in der Anwendung auf den vorliegenden
Fall von dem App.-Richter zu enge Grenzen gezogen. Die Gewahr-
sam besteht nur in der physischen Möglichkeit, auf die Sache unmit-
telbar einzuwirken, und jede fremde Einwirkung davon auszuschließen.
Ist diese Möglichkeit vorhanden, so bedarf es eines körperlichen Er-
greifens (der Apprehension) der Sache nicht, um dennoch die Ge-
wahrsam derselben zu haben. Die Apprehension wird dann durch
das Bewußtsein jener Möglichkeit der augenblicklichen Einwir-
kung ersetzt. Aus diesem Grunde wird der Besitzer eines Hanfes
Inhaber der in den unter seiner Herrschaft befindlichen Räumen
niedergelegten Sache, obwohl er bei dieser Niederlegung nicht gegen-
wärtig ist, und obwohl die Möglichkeit vorhanden sein würde, daß,
bevor er die Sache wirklich ergreift, ein Dritter sie ergreifen könnte.
Der Besitz beruht daher zugleich auf jenem Bewußtsein unbeschränk-
ter Herrschaft über die Sache, (v. Savigny, Besitz, 7. Aust.,
S. 26. 210. 216. 223. 226. 237 ff.)
Diese Grundsätze müssen auch auf das preuß. Civilrecht an-
gewendet werden. Im vorliegenden Falle handelt es sich um den
Erwerb des Besitzes durch einen Repräsentanten, also
durch eine an diesen für seinen Machtgeber geleistete Tradition. Bei
dieser schließen sowohl das römische als das preußische Recht die
Regel aus, daß bei dem Erwerbe des Besitzes durch Repräsentanten
überhaupt der letztere nicht den Willen gehabt haben müsse, für sich
oder für dritte Personen (außer dem Machtgeber) den Besitz ergreifen
zu wollen. Vielmehr gilt bei dieser Tradition an Repräsentanten

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