Full text: Archiv für Theorie und Praxis des allgemeinen deutschen Handelsrechts (Bd. 11 (1867))

Das Marktgewölbe zu Nürnberg.

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angehöre, sind im Ganzen zwei Berufungen eingekommen*), während
jedenfalls mehr als 2000 Streitigkeiten im Marktgewölbe anhängig
gewesen sind.
Fragt man nun, wodurch diese, man darf wohl sagen, einzig
dastehenden Resultate erreicht werden, so ist dieß, wie ich glaube, ein
Doppeltes.
Im Rathhaussaale zu Nürnberg steht seit Jahrhunderten ein
Spruch ausgezeichnet, der also lautet:
„Eines Mannes Red' ist keine Red',
Man soll die Theile hören beed'."
Liegt hierin vorerst allerdings nur die Regel, daß Niemandem
das rechtliche Gehör abgeschnitten werden soll, so deutet doch der
Spruch noch auf etwas Anderes, wie ich meine, das oberste Princip
und die eigentliche Grundlage aller Rechtsprechung. Wenn nämlich
das Recht zwischen den Streitenden — soweit es menschlicher
Schwäche überhaupt möglich ist, das Wahre zu erkennen — sicherlich
nur dadurch gefunden werden kann, daß die Parteien ihre Ansprüche
und Gegenansprüche entwickeln, und so der Sache auf den Grund
geleuchtet wird, darf man sich da wundern, daß unser schriftlicher
Proceß nicht genügt, und läßt sich von der vielbesprochenen Copirung
französischer Einrichtungen eine radicale Besserung hoffen? Oeffent-
lichkeit und Mündlichkeit der Gerichtsverhandlungen sind gewiß ein
Bedürfniß und zu manchen Dingen nütze; aber nicht in ihnen allein
liegt das Heilmittel. Was dem Proceßwesen fehlt und was vor
Allem anzustreben wäre, ist das Princip der Unmittelbarkeit;
dahin zuvörderst müßte man trachten, daß wie zur Zeit schon im
Strafverfahren, so auch im Civilprocesse dem Richter nicht blos ein
Spiegelbild der Sache, sondern die Sache selbst unmittelbar und
persönlich vorgeführt werde, daß er selbst sehe, höre und erkenne, um
was es sich handelt, daß er sein Urtheil nicht auf todte Worte gründe,
sondern aus dem Leben herausschöpfe.
Dieses Princip, welches im Marktgewölbe zu Nürnberg unein-
geschränkt in Kraft steht, und unter dessen vollkommener Anwendung
das Urtheil des Mercantil - Friedensgerichtes zu Stande kommt, ist
es wohl zumeist, was die außerordentlichen Resultate dieser Ein-

*) Beide wurden als unbegründet verworfen.

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