Full text: Archiv für Theorie und Praxis des allgemeinen deutschen Handelsrechts (Bd. 16 (1869))

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Bezirk des O.-A.-Gerichts zu Lübeck. Art. 740.

gegengesetzten Behandlung aller durch gewöhnliche Lootsen begange-
nen Versehen verleiten könne; und wenn dieser Besorgniß gegenüber
auch von einem „erwähnten irrigen Argument geredet wurde, so
war damit offenbar nur die irrige Anwendung desselben gemeint.
Das Argument selbst ganz allgemein als irrig verbieten zu wollen,
war gewiß keinem Mitgliede der Commission in den Sinn gekommen.
Ueberdieß aber haben nach S. 2921 der Protocolle bei der endlichen
Abstimmung nur zwei Mitglieder zu Gunsten desjenigen Antrags
votirt, bei welchem jene Besorgniß vorgebracht worden war.
Am wenigsten läßt sich erratheu, welcher Einfluß auf die Aus-
legung des Art. 740 dem Umstande mit den handelsgerichtlichen Mo-
tiven einzuräumen sei, daß darin nur von dem durch den Lootsen ver-
schuldeten Zusammenstoß zweier Schiffe die Rede ist. Denn ab-
gesehen davon, daß dem fraglichen Artikel deshalb nur um so mehr
die Natur eines nicht auszudehnevden jus singulare beiznlegen ist,
dürfte es auch dem Lootsen sehr schwer fallen, durch seine fehlerhafte
Leitung des Schisses außerhalb .desselben noch andere Beschädi-
gungen anzurichten als die bei einem Zusammenstoß mit anderen
Schiffen eintretenden. Die allerdings nicht ganz undenkbare Beschä-
digung von Strombauten, Telegraphenkabeln oder Ankerketteil würde
doch meistens aus andere, überwiegend mitwirkende Ursachen zurückzu-
sühren sein. Wenn dagegen auf dem Schiffe selbst für Befrachter
oder Passagire ein durch Wen Lootsen verschuldeter Schade sich ereig-
nen sollte, dann würde für diesen Fall auch schon durch den Fracht-
contract, durch die actio de receptis und die Bestimmungen über die
große Havarie das Nöthige vorgesehen sein.
Endlich aber ist auch noch ans die Uebereinstimmung der hier
entwickelten und dem Art. 740 des H.-G.-G.s entsprechenden Grund-
sätze mit denen des englischen, amerikanischen und französischen See-
rechts, deren näherer Nachweis in dem obenerwähnten Urtheil des
O.-A.-Gerichts in Sachen Hehdorn c. Drvm Feilt« enthalten ist, ein
großes Gewicht zu legen. Denn es ist klar, zu welchen Unzuträglich-
keiten eine Verschiedenheit des Rechts in diesen, meist internationalen
Verhältnissen führen müsse, wenn z. B. in dem hier vorliegenden Falle
das englische Schiff in Deutschland freigesprochen und gleich darauf
unter ganz gleichen Umständen ein deutsches Schiff in England für-
haftbar erklärt würde.

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