Full text: Archiv für Theorie und Praxis des allgemeinen deutschen Handelsrechts (Bd. 16 (1869))

354 Bezirk des O.-A.-Gerichts zu Lübeck. Art. 740.
cessiouirter und vielleicht selbst ein privilegirter Lootse, doch gewiß kein
Zwangslootse gewesen ist.
III) Demnach bleibt die eigentlich zu entscheidende Frage immer
noch die:
ob die Einrede, daß das Schiff des Beklagten zur Zeit des Zu-
sammenstoßes von einem Lootsen geführt worden sei, der aber
kein Zwangslootse war, zur Abweisung der Klage genüge?
Für diese Frage kommen die folgenden Bestimmungen des Han-
delsgesetzbuchs in Betracht:
1) zunächst die Artikel 736. 737 und die darin allegirten Artikel
451. 452.
In diesen Artikeln wird ausdrücklich unterschieden zwischen der
persönlichen Verantwortlichkeit des Urhebers einer Beschädigung,
welche nicht näher erörtert ist, also nach den gemeinrechtlichen Grund-
sätzen der tax Aquilia zu behandeln sein würde, und der accessorischen
Haftung des Schiffs und seiner civilen Früchte (der Fracht) für den
zu leistenden Schadenersatz.
Diese Haftung ist dem älteren gemeinen Recht unbekannt und
die entfernten Analogien, welche man von den Noxalklagen, den Pe-
culienklagen u. s. w. herbeizuziehen versucht sein könnte, würden sich
für deren weitere Entwicklung als durchaus unfruchtbar erweisen.
Sie erscheint als der Ausdruck des Grundgedankens, daß ans der be-
wegenden Kraft, welche einem Schiffe, einer Maschine und ähnlichen
Dingen künstlich mitgetheilt wird, nun auch für die Sache selbst eine
unmittelbare Haftbarkeit für jede schädliche Kraftentwicklung hervor-
geht, welche der Eigenthümer, hier der Rheder, auch ohne alle per-
sönliche Verschuldung so lange anerkennen muß, als ihm oder seinen
Vertretern nicht die Möglichkeit entzogen war, die schädliche Kraft-
entwicklung zu verhindern. Als solche Vertreter sind aber nicht blos
diejenigen zu betrachten, welche bei dem Abgänge des Schiffes zur
Leitung und Bedienung desselben bestellt worden sind, sondern eben-
sowohl auch diejenigen, die während der Fahrt von dem Capitän frei-
willig an Bord genommen werden, um ihm in der Führung des Schif-
fes behülslich zu sein. Wäre also in dem deutschen Handelsgesetz-
buche kein Artikel zu finden, welcher den Begriff der Schifssbesatzung
näher bestimmte oder welcher den Lootsen besonders erwähnte, so
würde dennoch schon aus dem Art. 736 mit völliger Bestimmtheit zu

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