Full text: Volume (Bd. 10 (1867))

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Abhandlungen.

Sträubt man sich auch noch dagegen, das zierliche Körbchen,
welches eine reisende Dame in dem Gitter über ihren weichen Sitz
niederlegt, als ein Frachtstück aufzufassen, so sehe man dagegen unter
die Bänke eines Wagens dritter Classe und in den Raum der Wa-
gen vierter Classe, und wird man daselbst viele Sachen entdecken, gegen
deren Bezeichnung als Frachtgut sich Auge und Ohr nicht sträubt.
Durchlieft man nun die Art. 422 flg. des Handelsgesetzbuches
und die darüber stehende Ueberschrift: „von dem Frachtgeschäft der
Eisenbahnen insbesondere;" findet man dann im Art. 425 auch „vom
Reisegepäck, welches nicht zum Transport aufgegeben ist" gehandelt,
so wird man die Kiste oder den Sack, auf welchem der Fahrgast
vierter Classe sich ausruht, oder den der Fahrgast dritter Classe unter
seinen Sitz geschoben hat, als Frachtgut im Sinne des H.-G.-B.
anerkennen. Ist man bis hierher gefolgt, so wird man auch das
Körbchen der Dame als Frachtgut nicht weiter anstaunm und als
richtig zugeben, daß auch dasjenige Reisegepäck, welches nicht zum
Transport aufgegeben, sondern von dem Reisenden in den zur Perso-
nenbeförderung bestimmten Raum hineingenommen und dort mitbe-
fördert wird, Frachtgut ist. *)
Zum Reisegepäck würde ich hier alle beweglichen Sachen, welche
der Reisende in dem zur Personenbeförderung bestimmten Raume
behufs Mitbeförderung mit sich führt, zählen, und nicht anstehen,
etwa einen Stock mit einzubegreifen, dergestalt, daß die Eisenbahn-
gesellschaft ersatzpflichtig wäre, wenn die nicht ordnungsmäßig ver-
schlossene Thür des Coupes während der Fahrt sich öffnet, der Stock
hinausgleitet und verloren geht.
Bei den zwei verschiedenen Arten der Beförderung des Reise-
gepäckes, fern vom Reisenden im Gepäckwagen und beim Reisenden
im Personenwagen, tritt hervor, daß im ersten Falle das Frachtgut-
Reisegepäck der Aufsicht und Beobachtung durch den Reisenden gänz-
lich entzogen ist, während im letzteren Falle eine Beaufsichtigung und
Fürsorge möglich ist. Behält der Reisende sein Gepäck bei sich, so
hat er die Verpflichtung, dasjenige zu erfüllen, was ihm möglich ge-
macht ist; die Eisenbahngesellschaft ist zu der Erwartung berechtigt,

*) Dr. Koch in Goldschmidt's Zeitschrift, Bd.1, S. 82.

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