Full text: Volume (Bd. 2 (1837))

236 Ueber den gegenwärtigen Zustand des Criminalrechls ie.
Was uns betrifft, so halten wir mit der historischen
Schule ganz unbedingt das Feuerbach'sche System für un-
richtig/ und schließen uns jener Schule darin vollkommen an/
1) daß die Fortbildung des Rechts durch verschie-
dene Kräfte erfolge/ durch den Befehl von oben/ durch die
Sitte des VolkS/ durch Wissenschaft und Gerichtsgebrauch3),
2) daß die Bedeutung und Wirsamkeit der einen Kraft
nicht von jener der andern/ also die Sitte so wenig von der
Convenienz des Gesetzgebers als das Gesetz von der gemeinen
Ansicht im Volke abgeleitet werden dürfe4).
Aber darin ist vielleicht unsere Meinung cigenthümlich/
a) daß wir an nehmen / wie de facto immer eine oder
die andere jener Las Rccht erzeugenden Kräfte die Oberhand
zu einer bestimmten Zeit unter einem Volke haben werde/
und daß dann
b) alle Weisheit darauf beruht/ dem Bildungstriebe,
also in unsrer Zeit dem nicht aufzuhaltenden Streben nach
Gesetzbüchern/ seine rechte Richtung zu geben- In dieser
letzteren Hinsicht muß man darauf aufmerksam machen:
1) daß eine Vollständigkeit der Gesetzgebung auch nur
für eine Menschengeneration unmöglich ist , und daß die
vollständigste Gesetzgebung in einer andern Generation un-

3) Die neuesten umsichtigen Untersuchungen über den Ge-
richtsgebrauch von Jordan und Müller setzen voraus,
das Gesetz sey die souveräne Gewalt, der Gerichtsgcbrauch
die interpretirende, wohl auch ergänzende, aber durchaus
vom Gesetz abhängige Macht. Das Gewohnheitsrecht des
Volkes wird für etwas selbstständiger angesehen.
4) Immer richtiger ist jedoch die Ansicht derer, welche Alles
ssllf den Willen der Staatsgewalt zurückfübren als derer,
welche mit dem rm Volke stille wirkenden juristischen Vil-
dungstriebe Abgötterei treiben. Recht und Sprache bildet
zwar nicht die politische Macht, aber unter der letzteren Schutz
und Schirme, unter ihrer Leitung entstehen die Ansichten
der Wissenschaft und des GerichtSgebrauchS, und es bängt
durchaus von Umständen ab, ob man die jurispnulence lau-
ter oder weniger laut will reden lassen. Ganz ersticken aber
kann man diese Quelle nicht und, darin wieder liegt ihre
Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.

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