Full text: Volume (Bd. 2 (1837))

Ueber den Geiß des deutsch«! CriminalprozeffeS rc. SOI
seines logischen Gefühls auch oft vorsichtiger werden: die
Mehrheit der Gerichtsmänner aber unterliegen dem schon
vom Inquirenten im Geiste des Jnquisitionsprozesses genähr-
ten Genius > jede grelle Wahrscheinlichkeit für Wahrheit zu
nehmen. Dazu darf nur noch kommen der Drang der Ge-
schäfte und eine verfehlte Vertheidigung/ um die Gefahren
zu vermehren. Wenn man auch Einstimmigkeit der Ansichten
der Votanten als nothwendige Voraussetzung der Verurrhei-
lung aus Vermuthungen verordnen wollte/ wie dies z. B.
im Fürstenthume Lippe Detmold der Fall ist/ so würde diese
Formmaßregel wohl die Gefahr vermindern/ sowenig aber
gänzlich beseitigen/ wie wenn man statt der Mehrheit in den
Stimmen der Geschwornen ihre Einstimmigkeit verlangt.
Auch daö würde nichts ändern/ daß dem Urtheile Eutschei-
dungsgründe und folglich Deduktionen der Schlußweife bei-
gefügt werden müssen/ denn Alles ist hier an sich relativ und
willkührlich. Aber selbst hierdurch ist dann wieder eine neue
Quelle trügerischer Verlässigkeit geöffnet/ denn es ist eine
Garantie scheinbar gegeben / die in der That keine ist. Ueber-
haupt ist nichts gefährlicher/ als das arbitrium judici« an
eine Formvorschrift oder an ein paar Regeln zu binden.
Abgesehen davon / daß ein Widerspruch in sich hier gegeben
ist/ so wird das Gewissen mit der Form und milden Regeln
beschwichtigt/ und der praktische Schlendrian erstickt die An-
sicht von der Wichtigkeit der einzelnen richterlichen Handlung.
Daö Gefährlichste würde fei)» / einen JndicienbeweiS dem
Einzelrichter frei zu geben/ denn man darf nur sehen/ wie
der ehrlichste Schulmann ungerecht wird in der Beurthei-
lung seiner Schüler ex indiciis: aber auch die Collegialität
hilft wenig/ ja sie erleichtert oft die Verurtheilung/ weil
die Verantwortung gleichsam auf einen Einzelnen nicht sitzen
bleibt. Endlich ist es wie mit dem Arzt/ welcher viele Kranke
behandelt: er wird kühner/ sein System reißt ihn fort/ sei-
nem Systeme treu hält er sich bei jedem Ausgange der Dinge
gerechtfertigt: der Tod hat nichts schreckhaftes für ihn. So
der Jurist/ welchen der Beweis in das reine arbitrium ge-
geben ist — er macht sich eine Art von System/ und dann
ist sein Gewissen beschwichtigt/ und die Verurtheilung ist
ihm keine schwere- sondern eine alltägliche Sache. Me

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