Full text: Volume (Bd. 2 (1837))

Ueber den Geist des deutschen CriminalprozesseS re. 159

dcr Urkunde anerkennt, gilt im Crimiualprozesse nicht, er
ist nur als nr^umentum aufzufassen. Wenn in unfern Ta-
gen einige Gelehrte, besonders Mittermaier in seinem
Buche über den Beweis im Criminalprozesse, dem Gedanken
nachgiugen, daß aller Beweis nur durch Schlüsse oder Wahr-
schcittlichkeitsgründe gemacht werde, folglich auch dcr Beweis
durch Geftändniß und Zeugen ein JudicienbeweiS fey, so ist
daran nur so viel richtig, daß, so wie physische Verhältnisse
auf mathematischem, so historische auf logischem Wege bear-
beitet werden 18); denn daraus folgt wieder, daß jeder juri-
stische Beweis durch das Medium der Schlüsse gezogen wird,
indem dies die einzige Form, von Wirkungen auf Ursachen
zu schließen, im Reiche der Handlungen ist: aber von jeher
hat man doch unterschieden, ob das Geschehene durch äußere
Sinne aufgefaßt werden kann (Augen- und Ohrenzeugen in
der gewöhnlichen Sprache) oder ob nur der innere geistige
Faden zu verfolgen ist, wornach von einem Ereignisse auf
das andere geschlossen wird, wie eine Brücke zwei Ufer ver-
bindet. Die Sicherheit des crsieren Weges ist deshalb größer,
weil hier weniger Jrrthum als böser Wille schaden kann, der
böse Wille aber in der menschlichen Gesellschaft nicht so häufig
ist, auch ihm besser begegnet werden kann. Zu allen Zeiten
hat man die Angabe derjenigen, welche die Thal und den
Thäter gesehen haben, und sich so darüber erklärten, daß eik
Jrrthum nicht leicht denkbar ist — allen andern Wegen det
Beweisführung gegenüber gestellt, denn dies ist der unter
Menschen natürlichste Gang der Ueberzeugung. Selbst das
Geftändniß ist nur insoferne gleich viel werth, als man an-
nehmen kann, daß, wer gegen sich aussagt, so viel Anerken-
nung findet, als die Aeußerung eines Unpartheiischen, und
als wieder die Grundlage des Geständnisses nur die sinnliche
Wirklichkeit seyn kann.

18) Daher hat auch Mittermaier nicht Recht, wenn er
den Beweis in mathematischen, logischen, tranSeendentalen
und historischen Verhältnissen unterscheidet, denn Mathe-
matik und Logik sind Formen, die äußere Natur und die
Geschichte sind ihre Unterlagen, und die tranSeendentalen
Dinge gehören gar nicht hieher.

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