Full text: Volume (Bd. 2 (1837))

150 Ueber den Geist des deutschen CriminalprozesseS re.
hinsichtlich des Richters/ denn dieser ist der ordentliche Ge-
walthaber in der Kirche — der Bischoff/ und sofernc mußte
mau dem Bischöfe gegenüber die hergebrachten weltlichen
oder Schöppengerichte unberührt lassen')/ aber der Geist
der Gerichtsordnung/ namentlich des OfsicialverfahrenS/
drang rasch aus den geistlichen Gerichten in die weltlichen
herein.
An der Veredlung des Gerichts und seiner Einrichtungen
hat also weder canonischeS noch auch römisches Recht Än-
thcil/ sondern diese ist apS der Geschichte der deutschen Ra-
tion selbst und natürlich hervorgegangcn. Deshalb geziemt
eS unö/ nicht so leicht über den gegenwärtigen Zustand der
Dinge in der Gerichts-Einrichtung den Stab zu brechen.
Die Strafgerichte in Deutschland/ nach der Darstellung
der Bbgsis und Carolina/ waren die unter dem Schutze der
schon herangebildetcn Territorialgewalt betbehaltenen Local-
Volksgerichte *)/ welche jedoch der Belehrung der Wissen-
schaft und der gelehrten Oberhöfe sich nirgends entschlagen/
sondern überall deren Rath suchen sollten ®). Somit war
der Wissenschaft und dem eigenen Stande der gebildeten Ju-
risten der Weg geöffnet. Bei diesem Verhältnisse konnte die
juristische Erfahrung in dem Volksleben nicht fortschreitcn
und selbst das feinere Rechtsgefühl stumpfte sich ab. Damit
ist jedoch an der Sicherheit und Wahrheit der Criminal-
urtheile Nichts verloren gegangen/ denn daß die Entschei-
dungen bis auf unsre Zeit von Jahrzehend zu Jahrzehend
besser wurden/ wird Niemand läugncn. Aber wahr ist eS
blos zum leeren Schein behielt man an einigen Orten die

7) Der Pabst bildet besonders die Lehre von der Delegation
des Richters aus/ um überall mit den ordinarius concurri*
ren zu tonnen; allein auch diese Lehre war auf die welt-
lichen Gerichte wenig anwendbar.
8) Tittmann/ Geschichte der deutschen Strafgesetze S. 261
und Art. 8. hex Carolina.
9) Diese Einrichtung bestand in Sachsen bis in das Jahr
183.5. ES gab daher keine Criminalobergcrichte/ sondern die
voewres an der Facultät und am Schöppenstuhl waren
die Oberhöfe — und die eigentlichen Criminalgerichtc wa-
ren die Stadtmagistrare/ Justizämter und Patrimonial-
gerichte.

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer