Full text: Volume (Bd. 1 (1833))

236 Das Petitorium absorbirt das Possessorium.
Die früheren Bearbeiter dieses Gegenstandes waren alle
von der Voraussetzung ausgegangen, daß diese Regel nur
Folge der durch das kanonische Recht eingeführten Prozeß-
cumulation fey; Thibaut aber stellt die Sache so dar, daß
überhaupt ein Besitzprozeß nicht stattfindet, wenn derselbe
wegen des entgegenstehenden klaren und unbestrittenen Rechts-
verhältnisses zu Nichts führen kann. Und dieß ist ein acht
civilistischer Gedanke, den wir in Sätzen und Beispielen
weiter ausführen wollen. Es ist ein bekannter Satz:
1) daß, wer eine Sache nicht zum Eigenthum haben
kann, fie auch nicht befitzen kann. Ein Sclave, ein Min»
vor Einführung der Peculien, konnte gewiß nicht im Besitze
geschützt werden. Bedeutender ist dieß Verhältnis nach deut-
schen Gewohnheiten und Particularrechten. An manchen
Orten können noch immer Juden gewisse Grundstücke nicht
befitzen; Lehengüter kann nicht jeder als Vasall haben; schon
der Umstand ist hier bedeutend, daß ein ConsenS deö Lehen-
herrn, der auf die Person deS neuen Vasallen geht, nöthig
ist. Wo nun solche Personen, die das Recht nie begründen
können, im Besitze geschützt seyn wollten, würde gewiß der
Satz entscheiden, daß daö liquide Petitorium daö Possessorium
überwältige. Wozu soll auch in aller Welt ein Possessorium-
prozeß, wenn es gewiß ist, daß derjenige, welcher um Schutz
im Befitze bittet, unfehlbar in dem darauf folgenden Peti-
torio die Sache räumen muß? Denken wir den Fall: Der
A verkauft sein Lehengut an den ß; der Lehenherr hat gute
Gründe, den B nicht anzunehmen; der B aber ist von dem
A bereits in den Besitz gesetzt, und verlangt nun in posses-
sorio gegen den A, der, weil der LehenSconsens nicht erfolgt,
sein Gut wieder haben will, geschützt zu werden. Wird der
Richter den Schutz in possessorio erkennen können, wenn
vorliegt, daß der B, der nur unter der Anerkennung des
Lehenherrn als Vasall das Gut haben kann, alS solcher durch-
aus nicht angenommen wird? Gewiß nicht: denn wohin sollte
hier der Schutz führen, als um einige Wochen die Sache zu
verschleifen? Es ist nicht weniger bekannt,

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