Full text: Abhandlungen civilistischen und criminalistischen Inhalts (Bd. 1 (1833))

I. Das Petitorium absorbirt das Possessorium. 235

Werden nun
i. beide Prozesse zu gleicher Zeit spruchreif, so soll
nach der Bestimmung des eanonischen Rechts der Richter
über beide in demselben Urtheile entscheiden 2 3). Das kanonische
Recht schreibt dieses selbst für den Fall vor, wenn sich auS den
Acren ergiebt, daß das Recht dem Gegner derjenigen Par-
thei zugesprochen werden muß , welche in possessorio die
Oberhand erhält. Hier sagt nun das canonische Recht 4):
licet in pronunciatione sit possessio praemittenda; in execu-
tione tamen debet proprietas praevalere. Und daraus ha-
ben die Practiker die Regel abgeleitet: „petitorium liquidum
absorbet possessorium.
II. Wenn über das Petitorium früher ein Endurtheil
möglich ist, als über das Possessorium, und in diesem Ur-
theile einem streitenden Theile wirklich das in Frage stehende
Recht zuerkannt werden kann, so läßt die Praxis nach der
Regel „petitorium absorbet possessorium" sogleich ein Ur-
theil in petitorio zu, ohne daß eine Fortsetzung des noch
unvollendeten Besitzstreites verlangt werden dürfte.
Aus der bisherigen Darstellung ist zu ersehen, daß man
dieser Rechtsregel nur eine prozessualische Bedeutung zu geben
verstand, und sie nicht auf die civilistischen Grundsätze deS
Besitzes zurückführte. Rur Thibaut geht auch hier tiefer,
und drückt einen Punkt von ferne andeutend aus, welchen
wir gleich weiter und bestimmter verfolgen werden. Er sagt
in §. 297: „Da indeß der Besitz, alö nur interimistischer
Vermuthungsgrund, rechtlichen Werth haben kann, so ent-
steht daher die Regel, daß kein Besitz stattfindet, wo das
Recht selbst undenkbar ist: daher auch die Regel unserer
Praxis, daß ein liquides Petitorium das Possessorium ab-
sorbirt."

2) c. 2. X. 2. 12..
3) c. 3. X. eod.
4) c. 6. X eod.
Roß Hirt, Zeitschrift, Bd.l. Heft 2.

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