Full text: Volume (Bd. 1 (1833))

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Von den Ansichten unserer Zeit
mit allem Zubehör in das Herzblut der Länder übergegangen
ist, und wo man lediglich der Zeit und den Umständen das
Weitere überlassen muß, denn erzwingen läßt sich bei den
relativen Verhältnissen der Gewalt und Gegengewalt am Ende
Alles, aber die Gerechtigkeit verschmäht den Zwang. Ein
eigenes Schicksal hat in Hinsicht auf bürgerliches Recht das
Großherzogthum Baden, nämlich den französischen Civilcodex
ohne die übrigen juristischen Institutionen Frankreichs. Leicht
erklärlich hat hier no,ch lange nicht jene juristische Ver-
brüderung mit Frankreich statt gefunden, wie bei unfern
deutschen Nachbarn über dem Rhein, und es hängt in der
That jetzt Alles davon ab, was in der Civilgerichts- und in
der Criminalordnung geschieht, welche neu gebildet werden
sollen — ob man nämlich bei dem historisch deutschen Prinzip
halten will, welches für Verbesserungen aller Art, namentlich
für Oeffentlichkeit ebenfalls zugängig ist 12), oder ob man
das französische Recht in seinem ganzen Umfang recipiren
will. ES ist hier nicht der Ort, sich über den neuen badi-
sche» Prozeßentwurf zu erklären, aber so wie man nach
meinem Gefühle einen großen Fehler gemacht hat, Docmn
und Anordnung in einander zu werfen, so liegt noch ein
12) Von der Mündlichkeit spreche ich nicht, weil die Meisten nicht
recht wissen, was damit gemeint ist. Es wäre sehr zweck-
gemäß, wenn man die historischen Gründe der Schriftlichkeit
aufsuchte, wo man finden würde , daß fic im Prozeß dieselben
Dinge leistet, wie bei den Verträgen, und überhaupt c,n
Fortgang in der Civilisation ist. Nur die Mißbräuche soll
man entfernen, worunter ich nicht blos da§ Vielschrcibcn
verstehe, sondern auch dasjenige im schriftlichen Verfahren,
was Richter und Parthcien, Sachwalter und Parthcien ein-
ander gleichsam entfremdet, indem die gegenseitige Conrroll
und Aufklärung unmöglich wird. So sollte keine Relation
ohne Gegenwart der Partheien und Anwälte, und ohne deren
Vernehmung darüber in mündlicher Verhandlung erstattet
werden. Damit kann dann auch eine unbeschränkte oder be-
schränkte Oeffentlichkeit verbunden werden. Im Cnmmal
prozcß ist ohnedies der endliche Rechtstag und die mündliche
Reconstruktion des Prozesses im Geiste des deutschen Rechts.

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