Full text: Volume (Bd. 6 (1848))

202 Zur Lehre von d. Wirkungen des Prozesses auf das materielle Recht.
man früher so allgemein anerkannt hat, nämlich, daß die
Quelle unsres jetzigen Prozesses nicht die Reichsabschiede, son-
dern das canonische Recht und die im Mittelalter darnach ge-
schriebenen Bücher der italienischen Rechtsgelehrten sind.
§. 13.
Rechtsmittel und Rechtskraft.
Recht gut hat v. Savigny das Verhältniß der provo-
catio und appellatio im VI. Bd. seiner Pandecten dargestellt,
wornach im Gange der politischen Entwicklung des römischen
Gemeinwesens die Souveränität des Volkes auf die Gewalt
der Imperatoren übergegangen, und dasjenige, was das Volk
als Souverän vornehmen durfte, später der imperatorische Herr
thun konnte: allein darin-liegt der Gedanke der Rechtsmittel des
neueren Rechts nicht; der Jnstanzenzug des römischen Rechts
hat nicht die Bedeutung des Jnstanzenzugö des canonischen
Rechts: hier ist es nicht die Souveränität, sondern die Aufsicht
des Höheren über den Niederen durch das canonische Recht be-
stellt; und daher ist es gekommen, daß im canonischen Rechte
nicht blos eine appellatio judicialis, sondern auch extrajudi-
cialis vorkommts4), ferner daß eine prozessualische Verhand-
lung des ganzen Rechtsstreits eintrit, und daß man über-
haupt die Beschwerdeftthrung im Geiste des canonischen
Rechts zur Aufstellung der gravamina im Zwecke der oberauf-
sehenden Gewalt erhoben hat. Wir verweisen deßhalb auf
unsere schon früher in der Rechtsgeschichte angegebene Ansicht,
und bemerken nur, daß gerade durch diese dritte Hauptverän-
derung in Gemäßheif der Ansichten des Mittelalters ein dritter
Hauptrechtsbegriff entstanden ist; die Rechtskraft des
Urtheils, von welcher allein jene Folgen abhängen, die jetzt
durch die exceptio rei judicatae erlangt werden können.
Das Resultat ist: der canonische Prozeß hat in einer Reihe
verschiedener willkürlich gewählter und durch die Jurisprudenz
nicht selten veränderter Stadien drei Hauptstandpunkte:
1) den ersten Verhandlungsprozeß mit der litis contesta-
tio und den beiden Sätzen des Angriffs und der Vertheidig-
ung (§. III,

24) Meine Rechtsgeschichte I S. 217 ff. fleh auf 214.

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer