Full text: Abhandlungen civilistischen und criminalistischen Inhalts (Bd. 6 (1848))

zur deutschen gemeinen Gesetzgebung. 255
phische und politische. Die Mutter nämlich kömmt wie das
Mädchen von Schiller aus der Fremde, und die Kinder, die
sich nur von der Rückseite ansehen, um ihr Acht auf beide Pole
zu werfen, wollen eine neue Welt gestalten. Die philosophi-
sche Tochter heißt Gleichheit, die politische Freiheit. Die
ersteist aber nicht die christliche Moral, sondern eine Kan-
tische Cathegorie; und die andere ist nicht die Ordnung, son-
dern die ungesunde Vermischung der Stände und Individuen.
In Deutschland ist das Strafrecht philosophisch ausgebil-
det worden, in Frankreich politisch. In Deutschland ist die
Philosophie nunmehr einsubjectives Dafürhalten: in Frank-
reich gilt der mehr praktische Satz: Miln poena sine lege,
d. h. die christliche Moralität gilt nichts, sondern nur der sub-
sectiv approbirte Staatsvortheil.
I1L Ist man nicht zufrieden mit den Resultaten der Ge-
genwart, so ist man klug genug, Nichts in der eigenen Ver-
dorbenheit, in dem Stumpfsinne der Menschheit, sondern Alles
in den Formen zu suchen, und strebt die Formen zu verbessern.
Der Prozeß ist das juristische Formrecht. Daher schreit die
ganze Welt nach Mündlichkeit und Oeffentlichkeit, damit jeder
Philosoph die Welt controlliren kann, und damit wieder je-
der objektive Maasstab zusammenfalle. Daher will man
ganz in demselben Geiste keine Beweisregeln mehr haben, und
nimmt den Satz «stat pro ratione voluntas» so, daß eine
formrecht zusammengesetzte Jury den Formbeweis führe;
und es greift diese Ansicht durch unser ganzes Leben: man
will z. B. keine Theologie, sondern nur, daß man den Na-
men Christ führe, wobei es auf die Denkweise gar nicht
ailkömmtI). So gewiß nun auch der andere Theil in diesem
geistigen Kriege nicht mit der nöthigen Ruhe die Wahrheit der
Vergangenheit und die Fehler der Gegenwart darstellt, so inuß
die Opposition überall die Oberhand gewinnen, eben weil sie
Opposition ist. Gerade deshalb halten wir auch den Zweck
dieser Schrift ganz für verfehlt, obgleich an sich für die Wis-
senschaft nützlich, weil der Geist der Zeit, wie wir ihn geschil-
dert haben, gerade dafür ist, daß man uns nicht höre.

I) Der Christ soll sich nicht mehr materiell rechtfertigen, sondern
nur dem Namen nach formell.

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer