Full text: Volume (Bd. 6 (1848))

150 lieber das französische, rheinische und badische Civilrecht,
Die Mobiliarschulden mußten die Erben nach ihren Thci-
len übernehmen, wenn sie nicht derjenige bezahlte, der die
Mobilien und Erwerbungen an sich ziehen konnte: denn das
Stammgut ließ nur ‘4 oder '/» zur Disposition des sterbenden
Herrn frei*"). Hiernach gab es eigentlich im Lande der cou-
tumcs außer der reserve des Stammguts gar keinen Pflicht-
theil. Aber man kannte ihn in den Ländern des geschriebenen
Rechts und sah ihn an als ein gualificirtes Erbrecht; daher,
und da der Pflichttheils-Erbe schon nach allgemeinen Princi-
picn Erbe war, sollte die suppletoria nichts weiter seyn, als
die serenitatis petitio zur Geltendmachung des Pflichttheils,
wie sie es in der That auch im römischen Rechte war, hier
freilich nur gegen die Miterben, im französischen Rechte aber
allgemein.
Ebendeshalb sieht man auch aus unserer Darstellung, wie
schwer es für einen Lehrer deS jetzigen Rechts, namentlich
des Code, ist, das jetzige Recht nach seinen wirklichen
Grundsätzen darzustellen. Man kann nämlich so wenig sagen,
daß das jetzige französische Recht mehr germanisches oder mehr
römisches Recht enthalte: es ist im Code derselbe Geist, der
im Mittelalter im canvnischen Rechte war, der Geist der Ver-
mittlung oder der neuen Zeit, wobei auch Manches, ja
Vieles krank ist, und durch den Fortgang der Zeit erst
wieder ausgestoßen werden muß. Von einigen andern immer
wissenswürdigen Dingen Folgendes: z. B. einige Germa-
nisten lehren: im neuesten französischen Rechte sey noch das
Wart- und Fallrecht: aber dies Verhältniß kommt nirgends
in der That vor, sondern müßte er bei unserm Pflichttheil Vor-
kommen. Aber der Pflichttheilsberechtigte hat keine juristische
Hoffnung, er hat nicht einmal das canonische Recht — auf
seinen Pflichttheil vivo testatore durch Eid zu verzichten: denn
eben dieses ruhte im canvnischen Systeme auf dem Wartrechte.
Also kann jetzt der Pflichttheils-Erbe nur verzichten, wenn er
Erbe wird, d. h. wenn die Erbschaft eröffnet ist — nach den
Formen, die hier für jeden Erbschaftsverzicht vorgeschrieben sind.
Solche und eine Menge anderer Bemerkungen, die wir
hier übergehen, zeigen, wie groß die Vorkenntnisse derjenigen

21) Coysel I., pag. 331.

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