Full text: Volume (Bd. 3 (1839))

lieber Studium und Anwendung des badischen LandrechtS. 145
die durch Ungeschick geschehene Vereitlung drS ganzen Werks
als ein kleines Versehe» interpretirt wird.
In jedem Gebiet dcS menschlichen Wirkens kann man
den Handwerker und den Künstler unterscheiden. Abgesehen
von dem Genius, welcher dem letzteren die Fackel vorträgt,
bemüht sich dieser immer den Grund der Dinge sich aufzu-
schließen, und so in seiner Wirksamkeit der bildenden Natur
treu zu bleiben: der andere folgt dem trockenen Wort/ sich
nicht kümmernd, warum eS gesprochen ist, und wozu seine
Wirksamkeit führt. Der ächte Praktiker in der Jurisprudenz
verdient höhere Achtung, wie der bloö compilirende Gelehrte,
jener ist beständig Schöpfer und Bildner des Lebens, dieser
ein bloßer Spediteur und der Verfasser dieser Zeilen würde
seine Feder verfluchen, wenn er sie ander» gebrauchen möchte
als zur Ehre der juristischen Praxis, die ebenso sehr tiefe
Wissenschaft als feine Kunst ist.
Wer eine Klage annimmt, ein Erkenntniß stellt, muß
nicht nur wissen, ob die Klage in dem vorgebrachten petito
nichts Unnatürliches hat, sondern -iS zu dem höchsten Ton der
Execution muß er gleich hinandenken wie der, welcher den
ersten Satz zu seinem musikalischen Werke anschlÄgt.
Das Landrecht hat auch noch eine schwache Seite. DaS
technische Element ist willkürlicher alS im römischen und selbst
im älteren deutschen Recht. DaS System nämlich ist zwar
römisch, aber abgesehen von einzelnen Lehren, wo Vorstel-
lungen der netteren Völkergesittung vorherrschen wie im Fa-
milien- und Erbrecht, in den Rechten über bewegliches und
unbewegliches Gut u. s. w. — haben die Gesetzgeber vielfach
die Bestimmtheit verloren, welche z. B. in dem römischen
Klagensysteme liegt, ferner in gewissen vortrefflich angewen-
deren Grundsätzen B. vollem mollo, quo obligamur, sol-
vimur b. s. w., das Werk ist popularisirt, und doch kein Ka-
techismus - für den Juristen von Fach zu kurz, für den
Juristen im Volk zu lang: aber ebendeshalb sind die große«
Nachihcile denn unverkennbar. wenn man es für Eines und
Alle» ansieht. Ein vertrauter, gelehrter Freundin Paris
klagt uns, daß der Oolle dort dje Uawisseaschafrltchkeit er-
zeuge, dort, wo sich der Scharfsinn einer großen Nation i«
Brennpunkte zusammcndräagt, dort, wo der geehrte Advo-
Reßhirt, Aettftdrtft. Bd. IN. Heft t. 10

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