Full text: Abhandlungen civilistischen und criminalistischen Inhalts (Bd. 5 (1844))

Encyelopä'dic der Rechtswissenschaft. 21
Wechselwirkung des römischen, kanonischen und des deutschen
Staatsrechts: sie sind wie in der Geologie der zweite Bildungs-
prozeß, bei welchem die ersten Grundlagen schon fest nebenein-
ander standen. Daher geschieht es so häufig, daß das Crimi-
nalrecht bald ein Romanist, bald ein Canonist, bald ein Ger-
manist behandelt, und daher gehört zur Erkenntniß eines sol-
chen Studii eine große Feinheit der encyclopädischen Bildung
unseres Rechtes selbst. Immerhin aber läßt sich sagen, daß
bei dem Criminalrechte der römische Bestandtheil die suristische
Hauptsache auch im Materiale ist. Nur gewisse staatsrechtliche
Ansichten haben Einiges abgeändert, wie z. B. im Hochver-
rats und die Moral selbst, im Ganzen und Einzelnen, ist
canonisch.
Der Prozeß, sowohl der Civilprozeß, wie der Criminal-
Prozeß, ruht zunächst auf dem canonischen Rechte. Die geist-
liche Gerichtsbarkeit, und der verständige Sinn der Beweis-
führung namentlich mit Rücksicht auf den Eid als Beweismit-
tel, ferner das Verfahren der Schriftlichkeit, wie es aus dem
canonischen Rechte kömmt, sind die Grundrücksichten des Civil-
Prozeffes. Die deutsche Gestaltung desselben durch Reichsge-
setze ist nur eine Reformation, die Zurückführung in einzelne
Stellen des römischen Rechts ist nur geschehen, wenn man für
eine passende und verständige Ansicht den tenor eines Gesetzes
haben wollte. Der römische Prozeß ist für unser Leben durch-
aus unpassend, und nur nützlich, um das römische Recht in
seiner Auslegung zu verstehen. Es scheint uns eine durchaus
unrichtige Ansicht, den deutschen Prozeß aus dem römischen
Rechte entwickeln zu wollen, wie uns am beßten die Ausfüh-
rung von Bethmann-Hollweg gezeigt hat. Nicht einmal
der Prozeß des justinianischen Rechts tritt sicher genug hervor,
uoch weniger aber finden wir irgend einen Anhaltpunkt für
unser Recht. Der römische Prozeß war in jener Zeit in den
größten Verfall gekommen, alle Schärfe der römischen Ord-
uung war untergegangen, und aus der Zeit einer solchen for-
>uellen Erniedrigung der Jurisprudenz konnte für uns keine
Grundlage des Prozesses werden.

17) Hieher gehört dann auch die Lehre von der AufrechtbaltuKg
der Staatsordnung durch Poltzeystrafgesetze.

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