Full text: Volume (Bd. 5 (1844))

188 Römisches und deutsches Recht/ weltliches und
kennen müssen, als er sich wirklich realisirt hat. Daß
man mit Vorsicht vorwärts schreite , erfodert der wissenschaft-
liche Sinn unsrer Zeit, wobei nur dafür zu warnen ist, daß
die Staaten sich nicht zu sehr einfachen Practikern überlassen,
sondern das Bedürfniß selbst in voller wissenschaftlicher Umsicht
auffassen.

§. 8.
Kirchenrecht. Staatsrecht. Prozeß.
Unsre Zeit spricht soviel von der historischen Richtung der
Jurisprudenz, und das Princip ist in der That nur Täuschung.
Die Staaten haben zuerst das Kirchenrecht erschüttert, weil sie
dadurch souveräner zu werden gedachten, sie haben dadurch die
Reformation vorbereitet, sind aber dann, statt erstarkt zu
werden, geschwächt worden, und leiden noch bis auf unsre
Tage daran, daß das burnanurn jus civitatum keine Grund-
lage hat im jure divino ecclesiae. Unzweifelhaft ist es,
daß im Reiche der kirchlichen Bewegung ein Fortschritt selbst
im unmittelbaren Gebiete der Tradition seyn muß, folglich eine
bestimmte Auctorität und eine Bezweiflung derselben: und mög-
lich, wenn auch nicht heilsam ist es, wenn beide Richtungen
nicht bloö in der Wissenschaft, sondern auch im Volke und in
der Politik sich befehden; aber sehr schlimm ist es, wenn die
Befehdung damit anfängt, die Sichtbarkeit der Kirche, das jus
divinum ihres Regiments, die göttliche Einsetzung einer rein
geistigen Vereinigung unter Menschen zu läugnen. Durch solche
Verhältnisse ist es gekommen, daß das Staatsrecht gegenwärtig
durchaus keinen festen Grund hat, sondern Nichts ist als ein
Feld der Sentenzen, der politischen Meinungen und der den
einzelnen Völkern nützlichen Bestrebungen. Die Politik ist so
in der That in den Augen rechtlicher und gelehrter Menschen
verachtet worden.
Was aber den Prozeß angeht, so hat blos das neue Zerr-
bild der übertriebenen historischen Schule ihm eine falsche Rich-
tung gegeben: man hat denselben aus dem römischen Rechte ab-
leiten wollen, aus dem actionibus bonae üdei und stricti
juris und dergl. Dingen mehr: während man ihn lediglich im
zweiten Buche derDeeretalen GregorIX. hätte erkennen und

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