Full text: Volume (Bd. 5 (1844))

6 Encyclopädie der Rechtswissenschaft.
daß alle Völker als eine Einheit von Wesen, Karakter, Willen
und Recht haben müssen, und daß es auch hier etwas EwigcS
und Unveränderliches gebe: sie fühlten, daß jedes Volk wie je-
der Mensch in seiner Freiheit sich in seiner Geschichte und in
seinem Leben wohl befinde, und ein eigenes Recht habe: sie ver-
kannten endlich nicht, daß der göttliche Funke im Menschen, der
seine Mitmenschen achtet und liebt, die Quelle Alles Rechts im
Denken und Handeln ist, so stellten sie die justitia an die
Spitze, und theilten ihr Recht in das jus naturale, gentium
et civile.
Jedes Volk hat also ein Recht, daher auch die Germanen,
und es ist ein schöner und patriotischer Gedanke, die Geschichte
des deutschen Lebens mit dem Rechte der deutschen Völker her-
vorzuheben. Die Deutschen sind in der That keine Römer. Die
Deutschen haben einen andren Gott, wie dereinst die Römer; die
Familie der Deutschen ist eine durchaus andre, wie die der
Römer: eine neue Welt bestimmt die Bedürfnisse der jetzigen
Völker, und immer müssen neue Rechtsbegriffe erfunden und be-
stimmt werden. Der Germanist muß aus der Vergangenheit
und aus dem neuen Leben die Geschichte unserer Eigenthümlich-
keiten beschreiben: aber System, Methode und der Grundge-
danke, das Recht zu finden durch Nachweißung bestimmter Gründe,'
die in sich selbst ein System sind, gehört den Römern, und so
ist das germanische Recht seinem Systeme und seiner Methode
nach nichts als ein römisches Recht.
Alle neueren Lehrbücher des germanischen Rechts verfahren
nach dem römischen Systeme: alle neueren Gesetzbücher, na-
mentlich auch das franz. Recht, sind der ganzen Tendenz nach
römisch: der Civilist hat seinen Namen von den Römern, und
der civilistische Sinn ist das Gemeingut aller Juristen der neu-
eren Zeit, also auch der Germanisten.
§. 9.
Wie hat sich das System unsrer Rechtswissenschaft
gebildet?
Das römische Recht, wie es in der Sammlung Justi-
ni ans steht, will historisch aufgefaßt seyn. Man kann es
nicht begreifen, außer an der Hand der römischen Geschichte.
Man muß es verstehen gus dem Geiste seiner Zeit, denn nur
lfu> seiner Sätze sind, wie die Franzosen sagen, raison ernte,

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