Full text: Hof und Staat (Bd. 2 (1809))

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kein Volk die wahre Komödie, als das, bey welchem die 
Ehe Karikatur war, die Franzosen. Ihr Moliere ist ein¬ 
zig in der Welt, und jede ächte Komödie ist eine ecole 
des femmes oder des maris. 
Heinrich. Ich dachte die neuere Komödie über¬ 
haupt als Intrigue, und so fand ich allerdings die Fran¬ 
zosen als Meister. Denn ausser Frankreich hatte kein gros¬ 
ser Staat eine Hofregierung, wie dieser, und eine Hofre¬ 
gierung macht Intrigue. An deine Ansicht, welche die 
Komödie aus der Ehe ableitet, dacht' ich nicht. 
Gottholb. Die Ehe ist die Wurzel der neuen 
Welt, und ihr mögt ohne Mühe den alten Hof von Frank= 
reich darauf zurückführen. Die wahre Intrigue ist, die 
den Mann zum Hahnrey macht, das andre ist alles ab¬ 
geleitet und Nebensache. 
Philipp. Du bist uns noch Erläuterungen schul¬ 
dig. Moliere hat auch einen Avare, Tartuffe, Malade 
imaginaire und andre Stücke geschrieben, in welchen kein 
cocu vorkommt. Wie willst du dies erklären? 
Gotthold. Mache dir mit diesen Einwendungen 
nach Tische Motion, ich muß jetzt eilen. Die alte Tra¬ 
gödie ist Schicksalssache, und ihr Sujet Familiengeschick. 
Die Griechen begreifen die Parabel, in welcher eine Fa¬ 
milie steigt und fällt, und die Orakel ermangeln nicht, 
den Fall vorauszusagen. Das Individuum will aber dem 
Schicksale der Familie entgehen, und für sich ein Schick¬ 
sal gründen, und vermag es nicht. Trotz der Orakel¬ 
Warnung täuft es in den Untergang. Die Orakel haben 
das Schauen des Geschickes; dem Helden aber blitzt erst 
noch
	        
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